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Ist die Funktion unseres Bewusstseins, unseren Körper am Leben zu halten?

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Prof. Anil Seth, D. Phil.

Professor of Cognitive and Computational Neuroscience

Anil Seth is a professor of cognitive and computational neuroscience at the University of Sussex and co-director of the Canadian Institute for Advanced Research Program on Brain, Mind, and Consciousness.

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Saga Briggs, PGCert

Journalist & Editor

Saga Briggs is one of the editors of the MIND blog.

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Editiert von Lucca Jaeckel und Yiru Chen.

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    • März 29, 2022
    • Bewusstseinsforschung
    • Neurowissenschaften
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    “Bewusstsein,” schrieb der Neurowissenschaftler Anil Seth kürzlich in einem Artikel für Nautilus, “hat mehr damit zu tun, lebendig zu sein, als intelligent zu sein.” Das ist die zentrale Prämisse seines neuen Buches Being You: A New Science of Consciousness. In diesem widerspricht Seth der Vorstellung, dass das Bewusstseins primär ein Vehikel für das Denken, die Kommunikation und die Wahrnehmung der Welt ist. Stattdessen dienen diese Prozesse — und mit ihnen das Bewusstsein selbst — der physiologischen Regulierung des Körpers. “Der wichtigste Grund, warum ein Organismus ein Gehirn hat, ist, dass es ihm hilft, am Leben zu bleiben,” argumentiert er, andeutend, dass homöostatische Prozesse kognitiven Prozessen unterliegen. Daraus folgt, dass wir keine körperlosen “denkende Dinge” sind, res cogitans wie René Descartes es ausdrückte. Die Erfahrung des bewussten Selbst, so Seth, sei besser als “formlose, gestaltlose, kontrollorientierte Vorhersagen über gegenwärtige und zukünftige Wahrnehmungen des physiologischen Zustands des Körpers” zu verstehen. Wir seien “Tiermaschinen” [orig.: beast machines], und all unsere Erfahrungen — ob von der Welt oder des Selbst — von dem primitiven Zweck geformt, unsere körperliche Existenz zu erhalten.  

    Wie jedoch kann dies mit der Erfahrung einer kontinuierlichen Identität, eines sogenannten „narrativen Selbst“ zusammengebracht werden, einem Begriff, der derzeit häufig in der Fachliteratur zu den Effekten Psychedelischen Substanzen diskutiert wird? Aufbauend auf unserem kürzlich erschienenem Artikel von Dr. Chris Letheby, in dem dieser argumentiert, dass Veränderungen des narrativen Selbst den Vorteilen der psychedelisch unterstützten Therapie zugrunde liegen, haben wir Anil Seth gefragt, wie er, basierend auf der in seinem Buch dargelegten Theorie, das narrative Selbst versteht und wie Psychedelische Substanzen dieses stören könnten.   

     

    SB: Wie könnte kontinuierlichen Selbstwahrnehmung — im Gegensatz zu einer grundlegenden bewussten Selbstwahrnehmung — einem Organismus dabei helfen, am Leben zu bleiben? Wäre die Wahrnehmung eines narrativen Selbst ebenfalls als ein Phänomen zu betrachten, das der Aufrechterhaltung der Homöostase dient?  

    AS: Ganz genau, das narrative Selbst — welchem ich zuerst in Daniel Dennet’s Arbeit begegnet bin — trägt ebenfalls zur Aufrechterhaltung der Homöostase bei, allerdings über längere Zeiträume hinweg und auf verschiedene Weise. Mit dem narrativen Selbst geht zum Beispiel die Fähigkeit einher, gegenwärtiges Verhalten mit Erinnerungen an vergangene Ereignisse, sowie mit Plänen und Aussichten für die Zukunft zu verknüpfen. Ganz allgemein bietet die Wahrnehmung der eigenen Kontinuität über lange Zeithorizonte hinweg ein „Vorhersagegerüst,“ auf dem andere, unmittelbarere Aspekte der Selbstregulierung aufgebaut werden können.  

    SB: Lassen sich das “Selbst” und das “erzählende Selbst” trennen? In einem Artikel in The Guardian wird eine Geschichte aus Ihrem Buch nacherzählt, in welcher Sie von einem Musikwissenschaftler erzählen, der einen schlimmen Gedächtnisverlust erlitt welches dessen ‘narratives Selbst’ in Mitleidenschaft zog. Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach das Gedächtnis für das Bewusstsein? 

    AS: Ich denke, dass das “narrative Selbst“ ein Aspekt der Fülle an Wahrnehmungserfahrungen ist — der Sammlung kontrollierter Halluzinationen — welche dem “Selbst”-sein zugrunde liegen. Mit narrativem Selbst meine ich die Erfahrung, über die Zeit hinweg eine kontinuierliche Identität zu sein, mit einem Namen, einer Reihe von Erinnerungen und so weiter. Das Gefühl, dass ich nicht nur ein bewusster Akteur bin, sondern dass ich speziell “Anil Seth” bin. Manchmal — in den von Ihnen genannten Beispielen — kann das narrative Selbst gestört werden, während andere Aspekte des Selbst mehr oder weniger intakt bleiben, aber ich bezweifle, dass irgendein Aspekt des Selbst vollständig von einem anderen getrennt werden kann.  

    Die Rolle, die das Gedächtnis bei all dem spielt, ist sehr interessant und nicht sehr gut verstanden. Erschwerend kommt hinzu, dass es viele verschiedene Arten von Gedächtnissen gibt, die teilweise möglicherweise voneinander abgrenzbar sind. Die Art des Gedächtnisses, die am engsten mit dem erzählenden Selbst verbunden ist, ist das autobiografische Gedächtnis — die Erinnerung an bestimmte Ereignisse, die mit dem Selbst zusammenhängen. Im Fall des im Guardian-Artikel erwähnten Musikwissenschaftlers Clive Wearing ist es diese Form des Gedächtnisses, die offenbar stark beeinträchtigt wurde. Aber es gibt noch andere Formen des Gedächtnisses, wie zum Beispiel das Erinnern daran, wie man etwas tut, oder einen vergänglichen Eindruck einen Moment länger aufrechtzuerhalten, und so weiter. Wie all diese verschiedenen Formen des Gedächtnisses mit dem Bewusstsein zusammenhängen, ist eine offene und spannende Frage.  

    SB: Inwieweit können die positiven Auswirkungen eines “veränderten Bewusstseinszustandes” auf Veränderungen des narrativen Selbst zurückgeführt werden?  

    AS: Das ist eine wirklich interessante Frage, und um ehrlich zu sein, kenne ich die Antwort nicht. Es gibt viele Möglichkeiten, wie sich veränderte Bewusstseinszustände positiv auswirken können, und natürlich auch viele Möglichkeiten, wie sie sich negativ auswirken können, wie wir alle wissen. Für mich könnten viele der positiven Auswirkungen darauf zurückzuführen sein, dass veränderte Zustände, wie beispielsweise der psychedelische Zustand, aufzeigen, dass die Art und Weise, wie die Dinge in der Wahrnehmung erscheinen — sowohl die Welt als auch das Selbst — nicht unbedingt so sind, wie sie aus der Ich-Perspektive heraus erscheinen. Natürlich ist dies keine Einsicht, die explizit während eines veränderten Zustands erkannt werden muss, aber ich denke, es beschreibt, wie sich die positiven Effekte auf vielen verschiedenen Ebenen auswirken. Veränderte Zustände können den Fluss bewusster Erfahrungen aus den normalen Kanälen, die “Welt” und “Selbst” definieren, verändern und Möglichkeiten für zukünftige Veränderungen eröffnen. Selbst die Erfahrung dieser Möglichkeiten — wie subtil und implizit auch immer — kann eine sehr positive Sache sein.  

    SB: Wie sehen Sie die Theorie des Bewusstseins, die Sie in Ihrem neuen Buch vorschlagen, in Verbindung mit der psychedelischen Erfahrung, falls sie dort überhaupt eine Verbindung sehen?  

    AS: Die offensichtlichste Verbindung besteht in der Frage, wie der Inhalt oder die Natur psychedelischer Erfahrungen verstanden werden kann. In meinem Buch beschreibe ich, wie Wahrnehmungserfahrungen im Allgemeinen als bestimmte Arten von “kontrollierten Halluzinationen” verstanden werden können. Hier werden die Vorhersagen des Gehirns über das, was draußen in der Welt oder innerhalb des Körpers ist, durch eingehende sensorische Signale aktualisiert. Ein wesentliches Merkmal dieser Sichtweise ist, dass der Inhalt jeder bewussten Erfahrung durch eine Reihe von Vorhersagen von oben nach unten — oder von innen nach außen — vermittelt wird, und nicht dadurch, dass das Gehirn sensorische Daten einfach “ausliest”. Bei psychedelischen Substanzen scheint dieses feine Gleichgewicht zwischen Top-down- Vorhersagen und Bottom-up-Vorhersagefehlern gestört zu sein, so dass die Vorhersagen des Gehirns ihren Einfluss auf die Welt verlieren. Psychedelische Erfahrungen können aus diesem Blickwinkel als eine Form der “unkontrollierten Wahrnehmung” betrachtet werden. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, herauszufinden, wie genau dieses Gleichgewicht durch Psychedelika gestört wird.  

    Eine Idee, die von meinem Freund und Kollegen Robin Carhart-Harris vorgebracht wurde, ist, dass Top-down-Vorhersagen im psychedelischen Zustand schwächer oder “entspannter” werden. Und in einer anderen kürzlich durchgeführten Studie unter der Leitung von Kollegen in Cambridge und London haben wir festgestellt, dass psychedelische Halluzinationen und Halluzinationen im Zusammenhang mit Schizophrenie in Form von unterschiedlichen Mustern der Störung der “normalen” Wahrnehmungsinferenz verstanden werden können. Ein weiterer Aspekt ist die “Ich- Auflösung”, die oft Teil der psychedelischen Erfahrung ist. Hier gilt im Allgemeinen die gleiche Perspektive. Es gibt zwar weniger Arbeiten zu diesem Thema, aber der Schlüssel ist, zu verstehen, dass das “Selbst” auch eine Art von Wahrnehmung ist — und daher durch Psychedelika auf spezifische Weise verändert werden kann.  

    Mehr Informationen über Prof. Anil Seth’s neues Buch ‘Being You’ finden Sie auf seiner Webseite.