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Kultureller Kontext und psychedelische Erfahrung

Ein Aufruf zur Erweiterung sprachlicher Vielfalt in der psychedelischen Forschung

Übersetzt von Jonas Demaku, editiert von Luise von Münchhausen

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: English English

Sandeep Nayak, M.D.

Postdoctoral Fellow

Sandeep Nayak, MD, is a psychiatrist and postdoctoral fellow at the Johns Hopkins Center for Psychedelic and Consciousness Research.

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Editiert von Lucca Jaeckel & Clara Schüler

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    Set und Setting umfassen nicht nur die physische Umgebung, die Persönlichkeit und den emotionalen Zustand des Teilnehmers, sondern beinhalten auch den kulturellen Kontext und „vorherrschende Ansichten über das, was real ist“

    Die psychedelische Forschung hat ein weithin diskutiertes Problem bezüglich der Diversität1,2: Die Forschung findet überwiegend in westlichen, gebildeten, industrialisierten, reichen und demokratischen (WEIRD)3 Nationen statt. Dieses Akronym wird benutzt, um Aufmerksamkeit auf die in der psychologischen Forschung vorherrschende Überrepräsentation eines Bruchteils der Menschheit zu lenken, welcher in vielerlei Hinsicht einen Außenseiter darstellt. WEIRD-Staatsangehörige haben unterschiedliche Vorstellungen von moralischer Vernunft, räumlicher Orientierung, Individualismus und sogar visueller und olfaktorischer Wahrnehmung.3,4 Darüber hinaus sind die Teilnehmer von psychedelischen Studien überwiegend weiß (82%, Stand 2018) und wohlhabend.5 Dies ist aus mehreren Gründen besorgniserregend. Ein Grund ist schlicht die mangelnde Zugänglichkeit. Viele, die von der Teilnahme an psychedelischen Studien profitieren könnten, haben keine Möglichkeit an ihnen teilzunehmen. Das hat Auswirkungen auf die Generalisierbarkeit der Forschung. Sollten Psychedelika klinisch verfügbar werden, könnte dieser Mangel an Diversität zu unvorhersehbaren Problemen führen.

    Außerdem gibt es in der  psychotherapeutischen Literatur Hinweise darauf, dass verschiedene Therapeuten je nach ethnischer Gruppe unterschiedlich effektiv sind.6-8 Bis jetzt ist es unklar, inwieweit dies auch auf psychedelische Therapie zutreffen könnte. Die Therapeuten in psychedelischen Studien sind keine besonders diverse Gruppe und das könnte für die therapeutische Wirksamkeit von Bedeutung sein. In Anerkennung dessen hat die Organisation MAPS für ihre MDMA-Studien einen Lehrgang speziell für „Therapists of Color“ initiiert.

    Auch möglich ist, dass Gruppen verschiedener Ethnien und verschiedener Sprachen unterschiedliche Arten psychedelischer Erfahrungen erleben. Der Einfluss von Set und Setting ist heute eine Binsenweisheit in Diskussionen über die psychedelische Erfahrung. Trotzdem lohnt es sich, die Bedeutung dieser Weisheit genauer zu betrachten. Set und Setting umfassen nicht nur die physische Umgebung, die Persönlichkeit und den emotionalen Zustand des Teilnehmenden, sondern beinhalten auch den kulturellen Kontext und „vorherrschende Ansichten über das, was real ist.”9

    Zum Beispiel wurden bei frühen Experimenten mit Peyote signifikante Wirkungsunterschiede zwischen Weißen und Indigenen festgestellt. „Die in klinischen Studien beschriebenen Wirkungen an Weißen unterscheiden sich so stark von denen, die von indianischen Peyotisten beschrieben wurden […], als würden diese komplett unterschiedlichen Kategorien angehören. Es scheint als sprächen sie nicht über dieselbe Sache.”10 Dabei erlebten weiße Studienteilnehmer, die Peyote im Forschungskontext einnahmen, Erfahrungen, welche durch Misstrauen, Verzweiflung, Gefühle der Bedeutungslosigkeit und „Halluzinationen mit größtenteils eigenartigem Inhalt“ geprägt waren und welchen es generell an therapeutischem Nutzen fehlte. Im Gegensatz dazu nahmen indianische Peyotisten den Kaktus im Regelfall in einem zeremoniellen Rahmen ein, mit der Erwartung einer bedeutungsvollen und nutzbringenden Erfahrung. Ihre Erfahrungen waren von therapeutischem Nutzen und beinhalteten „willkommene Zugehörigkeitsgefühle mit einer neuen, bedeutsameren […] bereits in dogmatischem Wissen vorgeprägten Realität”11 Die kulturell vorgeprägte Bedeutung einer psychedelischen Erfahrung könnte für Inhalt und Wirkung von Psychedelika von Relevanz sein.

    Deshalb lauten die kritischen Fragen in der psychedelischen Forschung: Was ist Substanz, was ist Kontext, und wie interagieren diese beiden? Diese Fragen haben ihren Ursprung in einer einflussreichen Wissenschaftssoziologie, welche unsere Ansichten prägt. Erich Studerus, ein Schweizer Psychedelika-Forscher, der in Nikolas Langlitz‘ Buch Neuropsychedelia interviewt wird, kritisiert die gängige Ansicht, dass psychedelische Effekte fast ausschließlich auf Set und Setting zurückzuführen seien.12 Er merkt an, dass diese Idee ein dualistisches Vorurteil von Mind over Matter (deutsch: Geist über Materie) widerspiegelt, das unter Psychedelika-Enthusiasten besonders beliebt ist und dass diese Idee die Psychologie über die Pharmakologie stellt.12 Die Auffassung, dass ausschließlich Set und Setting die psychedelischen Effekte bestimmen, mag ein Extrem sein, aber es gibt auch das entgegengesetzte Extrem. Nämlich die in das Design moderner klinischer Studien eingebaute Annahme, dass der aktive Wirkstoffeffekt für den therapeutischen Erfolg ausschlaggebend ist und durch den Vergleich mit einem Placebo erfolgreich von kontextuellen Faktoren getrennt werden kann. Der Mittelweg zwischen den beiden genannten Extremen erfordert den Umgang mit einer komplexen Mischung aus Effekten, deren Anteile sich nicht eindeutig in Wirkstoff und Kontext zerlegen lassen. Das Wirkstoffverhalten muss in vielen verschiedenen Kontexten und mit einer Vielzahl von Methoden untersucht werden.

    Die Art  der Beziehung zwischen Wirkstoff und Kontext zu verstehen ist die wesentliche Frage. Die Untersuchung von Effekten in verschiedenen kulturellen Kontexten ist eine Möglichkeit dieser Frage auf den Grund zu gehen. Die heutige Gestaltung klinischer Studien und anhaltende Schwierigkeiten die Diversität von Studienteilnehmer zu erhöhen bedeuten jedoch, dass dies etwas Zeit brauchen wird. Wie bereits erwähnt, findet der Großteil psychedelischer Forschung in den WEIRD Nationen statt. Dazu kommt , dass zumindest in den USA, weiße Menschen viel häufiger Psychedelika konsumieren als jede andere ethnische Gruppe.13 Allerdings gibt es einfacher zu erreichende Ziele. Online-Umfragen, die jeden erreichen können, sind in der psychedelischen Forschung allgegenwärtig. Unsere Arbeitsgruppe hat Umfragen zu  Gottes- und Entitätserfahrungen, mystischen- und Erkenntniserfahrungen und vielem mehr durchgeführt. Das psychedelische Forschungszentrum am Centre for Psychedelic Research des Imperial Collage London führt ebenfalls mehrere Onlineumfragen durch, einschließlich zukünftiger Umfragen zu Microdosing und dem zeremoniellen Gebrauch von Psychedelika.  Es gibt keinen stichhaltigen Grund, warum diese Umfragen nicht in mehreren Sprachen durchgeführt werden können. Die Umfrage „afterglow“,  durchgeführt durch die Charité Universitätsmedizin Berlin, ist beispielsweise in Englisch und Deutsch verfügbar.

    Solche Umfragen könnten viel zum Verständnis der Beziehung zwischen kulturellem Kontext und psychedelischer Erfahrung beitragen. Allerdings gibt es dabei auch einige Hürden. Die korrekte Übersetzung solcher Umfragen würde eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Personen und Institutionen mit Fachkenntnissen in den jeweiligen Sprachen benötigen. Bis heute sind viele der am häufigsten in der psychedelischen Forschung verwendeten Fragebögen nicht in anderen Sprachen validiert. Diese Einschränkung gilt nicht nur für die Umfrageforschung, sondern auch für zukünftige klinische Forschung. Aus diesem Grund ist unsere Arbeitsgruppein Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Ohio State University, der University of Wisconsin und des Imperial College an einer Umfrage über psychedelische Erfahrungen unter spanischen Muttersprachlern beteiligt, die das Ziel verfolgt, viele der in der psychedelischen Forschung am häufigsten genutzten Fragebögen zu validieren.

    Neben dem Gewinn an wissenschaftlichen Erkenntnissen hat diese Arbeit einen weiteren wichtigen Nutzen. Die Veränderung bezüglich der öffentlichen Unterstützung psychedelischer Forschung war im englischsprachigen Raum revolutionär. Ohne die Bemühungen der Forscher und ohne die Diskussionen, welche die psychedelische Forschung in der Gesellschaft erzeugt hat, wäre das nicht möglich gewesen. So ist die psychedelische Forschung nun Teil eines Dialogs mit einer breiteren Öffentlichkeit. Negative Grundhaltungen gegenüber Psychedelika bleiben in vielerlei Hinsicht die größte Herausforderung für den Fortschritt dieser Forschung. Schwierigkeiten bei der Finanzierung und andere regulatorische Probleme spiegeln diese Haltungen wider, verändern sich jedoch auch mit ihr.

    Genauer gesagt ist psychedelische Forschung eine Art Konversation mit der Gemeinschaft der Psychedelika-User. Im Gegensatz zu klinischer Forschung an den meisten anderen Medikamenten, gibt es bei Psychedelika eine meinungsstarke Gemeinschaft von Konsumenten von der die Wissenschaft viel lernen kann. Psychedelika-User haben eine hohe Bereitschaft sich an der Forschung zu beteiligen und das ist ein großer Gewinn für den Fortschritt auf diesem Gebiet, aber dieser sollte nicht als selbstverständlich angesehen werden. In den USA und in Westeuropa mag dieses Wohlwollen gegeben sein, aber womöglich ist dies nicht überall der Fall. Die Rekrutierung für unsere spanische Studiewurde zum Teil mit verständlichem Misstrauen und Skepsis betrachtet. Will man psychedelische Forschung fördern, müssen der Nutzen und die Intentionen hinter der Forschung gerechtfertigt sein. Vertrauen muss sich erst verdient werden und ich betrachte das Projekt der Verbreitung psychedelischer Umfragen in andere Sprachen als einen Schritt, dies zu versuchen.

    Meine Hoffnung ist, dass mehr Online-Umfragen übersetzt und zeitgleich in mehreren Sprachen veröffentlicht werden. Das würde eine größere internationale Zusammenarbeit in der Welt der psychedelischen Forschung erfordern, was begrüßenswert wäre. In der Zwischenzeit können Sie zur Förderung der psychedelischen Forschung beitragen, indem Sie an der spanischen Umfrage zu Psychedelika teilnehmen und diese weiterverbreiten.

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    Quellen:
    1. Yin S. How researchers and advocates of color are forging their own paths in psychedelic-assisted therapy [Internet]. WHYY. 2020 [cited 18 July 2020]. Available from: https://whyy.org/segments/researchers-advocates-of-color-are-forging-their-own-paths-in-psychedelic-assisted-therapy/
    2. Watson E. Okayplayer: Black Americans Are Building A Space In Psychedelic Drug Culture After Being Ignored For Decades – MAPS [Internet]. MAPS. 2020 [cited 18 July 2020]. Available from: https://maps.org/news/media/7541-okayplayer-black-americans-are-building-a-space-in-psychedelic-drug-culture-after-being-ignored-for-decades
    3. Henrich J, Heine S, Norenzayan A. The weirdest people in the world?. Behavioral and Brain Sciences. 2010;33(2-3):61-83.
    4. Sorokowska A, Sorokowski P, Hummel T, Huanca T. Olfaction and Environment: Tsimane’ of Bolivian Rainforest Have Lower Threshold of Odor Detection Than Industrialized German People. PLoS ONE. 2013;8(7):e69203.
    5. Michaels T, Purdon J, Collins A, Williams M. Inclusion of people of color in psychedelic-assisted psychotherapy: a review of the literature. BMC Psychiatry. 2018;18(1).1.
    6. Imel Z, Baldwin S, Atkins D, Owen J, Baardseth T, Wampold B. Racial/ethnic disparities in therapist effectiveness: A conceptualization and initial study of cultural competence. Journal of Counseling Psychology. 2011;58(3):290-298.
    7. Larrison C, Schoppelrey S, Hack-Ritzo S, Korr W. Clinician Factors Related to Outcome Differences Between Black and White Patients at CMHCs. Psychiatric Services. 2011;62(5):525-531.
    8. Hayes J, Owen J, Bieschke K. Therapist differences in symptom change with racial/ethnic minority clients. Psychotherapy. 2015;52(3):308-314.
    9. Leary T, Metzner R, Ram Dass. The psychedelic experience. New Hyde Park, N.Y.: University Books; 1971.
    10. Slotkin J. The peyote religion. Glencoe, Ill.: Free Press; 1956.
    11. Wallace A. Cultural Determinants of Response to Hallucinatory Experience. Archives of General Psychiatry. 1959;1(1):58.
    12. Langlitz N. Neuropsychedelia. Berkeley: University of California Press; 2013.
    13. U.S. Department of Health and Human Services, Substance Abuse and Mental Health Services Administration, Center for Behavioral Health Statistics and Quality. (2018). National Survey on Drug Use and Health 2018 (NSDUH-2018-DS0001). Retrieved from https://datafiles.samhsa.gov/