Psilocybin – Katalysator mystischer Erfahrungen?

Gastbeitrag von Mona Dries, Medizinstudentin an der Universität Heidelberg

„Magic Mushrooms“ werden von indigenen Völkern seit Jahrtausenden für religiöse oder spirituelle Praktiken eingesetzt. Ende der 1950er Jahre isolierte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann den aktiven Wirkstoff von Zauberpilzen – Psilocybin. In den folgenden Jahren experimentierten Forscher erstmals empirisch-wissenschaftlich mit den Auswirkungen dieser Substanz (Pahnke, 1963; Leary, Litwin, Metzner, 1963).

„Good Friday Experiment“

Als eine der bekanntesten Studien in diesem Kontext gilt das „Good Friday Experiment“. Es wurde 1962 von Walter Pahnke, einem jungen Arzt und Theologiestudent der Harvard University in Boston, durchgeführt. Er wollte herausfinden, ob Psilocybin bei religiös eingestellten Menschen eine mystische Erfahrung auslösen kann.

Eine mystische Erfahrung definierte Pahnke nach bestimmten Erfahrungsmustern, die von Mystikern unterschiedlicher Weltreligionen beschrieben wurden. Dazu zählen beispielsweise das wahrgenommene Auflösen der Grenzen des phänomenalen Ichs bzw. ein Einheitsgefühl mit der inneren und äußeren Welt, eine wahrgenommene Transzendierung von Zeit und Raum, ein Gefühl der Heiligkeit und eine bedingte Unfähigkeit das Erlebte in Worte zu fassen. Außerdem zählte Pahnke hierzu eine tief positiv empfundene Stimmung, aber auch das Erleben von Paradoxität (Pahnke, 1963, 1966).

Auf Grundlage dieser religionswissenschaftlichen Konzepte entwickelte Pahnke einen standardisierten Fragebogen, der das Auftreten beziehungsweise die Intensität einer mystischen Erfahrung bei den jeweiligen Probanden messen sollte. 20 Theologiestudenten, die alle einen ähnlichen sozioökonomischen Status hatten, wurden als Versuchspersonen ausgewählt. Das Experiment war als Doppelblindversuch konzipiert. Während einer Karfreitagsmesse wurde den Studenten jeweils entweder eine hohe Dosis Psilocybin oder Nikotinsäure, ein aktives Placebo, das die Nebenwirkungen des Psilocybins imitieren sollte, verabreicht.

Schauplatz des Experiments war die „Marsh Chapel“ auf dem Gelände der Universität, in deren Kellerkapelle sich die Gruppe versammelte. Der parallel abgehaltene Karfreitag-Gottesdienst wurde über einen Lautsprecher live zugespielt. Das Doppelblind-Modell erwies sich im Laufe des Versuchs als nicht haltbar. Schnell wurde klar, wer das Psilocybin erhalten hatte und wer nicht – vor allem bedingt durch das gewählte Gruppen-Setting.

Im Anschluss berichteten 8 der 10 Teilnehmer, die Psilocybin eingenommen hatten, eine mystische Erfahrung erlebt zu haben. Bei den Placebo-Probanden blieb dies aus. Einige bezogen sich bei der anschließenden Beschreibung auf ihren christlichen Glauben, andere umschrieben die Erfahrung als nicht spezifisch religiös beziehungsweise konfessionell geprägt, sondern eher universeller Natur.

Trotz einer insgesamt äußerst positiven Wertung der Teilnehmer gab es bei einigen auch unangenehme und schwierige psychologische Momente. Zum Beispiel die Angst, verrückt zu werden oder das Gefühl zu sterben. Diese Zustände lösten sich allerdings im Laufe der Erfahrung auf und konnten von den Probanden im Nachhinein auch für persönliche Wachstumsprozesse genutzt werden.

Auswirkungen Jahrzehnte später

Da Psilocybin in den USA Ende der 60er Jahre als „Schedule l“ Droge klassifiziert wurde, was auch ein Verbot der Produktion beinhaltete, wurde es in den 1970er Jahren für die Forschung weitgehend unzugänglich.

1991 führte Rick Doblin, der – damals wie heute – Executive Director der „Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies“ (MAPS), eine prospektive Nachfolge-Studie des „Good Friday Experiments“ durch. Die über die USA verstreut lebenden Teilnehmer wurden nach mehrmonatiger Recherche kontaktiert und der ursprüngliche Fragebogen erneut ausgewertet. Zusätzlich wurden sie nach den subjektiven Langzeitauswirkungen befragt.

Die Personen der Psilocybin-Gruppe konnten sich lebhaft an den Tag erinnern und berichteten, dass die damalige Erfahrung ihr Leben in tiefgehender Weise beeinflusst habe. Genannt wurde beispielsweise der Einfluss auf wichtige Lebens- und Karriereentscheidungen, ihre Einstellung gegenüber dem Tod oder größere Wertschätzung für andere Menschen und die Natur. Außerdem hätten sie einen tieferen Sinn für Freude und Schönheit entwickelt (Doblin, 1991).

Wiederholung des Good Friday Experiments im Jahr 2006

Im Jahr 2006 – zwischenzeitlich wurde die Forschung mit Psilocybin unter strengen Auflagen wieder zugelassen – nahm sich der US-amerikanische Forscher Roland Griffith von der John Hopkins School of Medicine in Baltimore, einer ähnlichen Fragestellung an (Griffith et al., 2006).

Untersucht wurde der psychologische Effekt einer hohen Psilocybin-Dosis. 36 Personen – durchschnittlich 46 Jahre alt, ein Großteil mit College-Abschluss – nahmen an dem Experiment teil. Die Probanden gingen alle in gewissem Umfang religiösen oder spirituellen Praktiken nach.

Auch bei dieser Studie wurde die Doppelblind-Methode angewendet – durch ein strenges Einzelsetting allerdings erfolgreicher, als bei Pahnkes Experiment. Jeder der Teilnehmer erhielt einmal Psilocybin und das andere Mal ein aktives Placebo – Methylphenidat, auch bekannt als Ritalin. Die Teilnehmer befanden sich in einem Raum, der als Wohnzimmer eingerichtet war. Sie wurden aufgefordert ihre Augen zu schließen und die Aufmerksamkeit nach innen zu richten. Außerdem bekamen sie klassische Musik über Kopfhörer zugespielt. Direkt im Anschluss und erneut nach zwei Monaten wurde das Erleben der Probanden über verschiedene Fragebögen ausgewertet. Mehr als 60 Prozent der Personen beschrieben, dass sie unter der Wirkung von Psilocybin eine „mystische Erfahrung“ im oben beschriebenen Sinn erlebt hätten. Zwei Monate später berichteten 80 Prozent, im Vergleich mit der Placebo Gruppe, von gesteigertem allgemeinen Wohlbefinden und Zufriedenheit. Außerdem hätten sich ihre Einstellung und soziales Verhalten zum Positiven verändert.

Einzelne Teilnehmer erwähnten allerdings auch Angstzustände oder paranoide Gefühle, die während des Psilocybin-Trips aufgekommen waren. Insgesamt konnten im Nachhinein aufgrund dessen aber keine negativen Folgen festgestellt werden.

In einer nach 14 Monaten von Griffith durchgeführten Folgestudie (Griffith et al., 2008), bestätigten sich diese Aussagen. Für ein Drittel der Teilnehmer war die Erfahrung die spirituell bedeutsamste ihres Lebens. Mehr als zwei Drittel stuften sie unter die fünf bedeutsamsten Erfahrungen ein, vergleichbar mit der Geburt eines Kindes oder dem Tod einer nahestehenden Person.

Im Vergleich zum „Good Friday Experiment“ wurde bei Griffith‘s Studie ein „durchdachteres“ und methodologisch ausgefeilteres Studiendesign angewandt. Dieses umfasste auch Fremdbeurteilungen. Beispielsweise wurde durch Einzelsitzungen der Einfluss der Gruppe, der die individuelle Erfahrung färben kann, vermieden, die Anzahl der Studienteilnehmer war höher und die Auswertung via verschiedener Fragebögen umfangreicher. Ausblick

Die vorgestellten Studien bestätigten die Annahme, dass die Einnahme von Psilocybin zu einer mystischen Erfahrung führen kann. Dabei muss allerdings differenziert werden. Psilocybin – isoliert als Wirkstoff betrachtet – induziert nicht per se eine mystische Erfahrung. Es bewirkt einen veränderten Bewusstseinszustand, der in Kombination mit einem entsprechenden Set und Setting eine mystische Erfahrung auslösen kann. Unter Set und Setting versteht man die innere Verfassung der Teilnehmer sowie die äußeren Bedingungen, unter denen sich ein veränderter Wachbewusstseinszustand ereignen. So wirkt die Substanz sozusagen als chemischer Katalysator.

In den besprochenen Studien waren Set und Setting auf die Induktion mystischer Zustände ausgelegt. Die Versuchspersonen waren spirituell oder religiös geprägt und der Versuchsgegenstand von vorn herein bekannt. Außerdem hatten die Teilnehmer in der Regel eine hohe Motivation. Insgesamt sind das alles begünstigende Faktoren für das erzielte Ergebnis.

Bemerkenswert ist der hohe persönliche Wert, den die meisten Probanden im Nachhinein mit der Erfahrung verbanden – auch Jahre später. Die Ergebnisse stimmen positiv in Hinblick auf die Verwendbarkeit von Psilocybin, sowohl im nicht-medizinischen als auch medizinisch-therapeutischen Sinne. Es wäre wünschenswert, dass weiterhin umfangreiche Forschung in diesem Bereich stattfindet. Dabei wäre darauf zu achten, dass echte Diversität unter den StudienteilnehmerInnen hergestellt wird: Gender, soziale Schicht, Ethnizität und Bildungsniveau sind einige Faktoren, an die man hier mitdenken müsste.

Referenzen

  • Doblin, R. (1991). Pahnke’s „Good Friday Experiment“: a long-term follow-up and methodological critique http://www.neurosoup.com/pdf/doblin_goodfriday_followup.pdf
  • Griffiths RR., Richards WA., McCann U., Jesse R. (2006). Psilocybin can occasion mystical-type expe-riences having substantial and sustained personal meaning and spiritual significance. Psychophar-macology. 187 (3): 268–83. https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00213-006-0457-5.pdf https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00213-006-0457-
  • Griffiths RR., Richards WA., Johnson M., McCann U., Jesse R. (2008). Mystical-type experiences oc-casioned by psilocybin mediate the attribution of personal meaning and spiritual significance 14 months later. Journal of Psychopharmacology. 22 (6): 621–32. http://www.csp.org/psilocybin/Hopkins-CSP-Psilocybin2008.pdf Leary, T., Litwin, GH., Metzner, R. (1963). Reactions to psilocybin administered in a supportive envi-ronment. Journal of Nervous & Mental Disease. 137(6):561-573 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14087676
  • Pahnke WN. (1963). Drugs and Mysticism: An Analysis of the Relationship between Psychedelic Drugs and the Mystical Consciousness. Thesis, Harvard University. http://www.maps.org/im-ages/pdf/books/pahnke/walter_pahnke_drugs_and_mysticism.pdf Pahnke WN. (1966). "Drugs and mysticism". International Journal of Parapsychology. 8 (2): 295–315. https://www.erowid.org/entheogens/journals/entheogens_journal3.shtml
  • Image taken from pixabay.com

 

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