Henrik Jungaberle

Let’s talk about psychedelics




Henrik Jungaberle is a social scientist and prevention practitioner specialized in drug science and psychedelic research. He is head of FINDER, an independent non-profit dedicated to training and research in the fields of human development, prevention and psychoactive drugs. Furthermore he is executive director of the MIND Foundation. Click here for publications on researchgate and Google Scholar.

Published April 2017





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Geht das? Gewöhnliche und ungewöhnliche Worte für außergewöhnliche Bewusstseinszustände finden

»Ich rede mit niemandem über LSD, der es nicht wenigstens einmal probiert hat.«

Christian Rätsch (2013)

An diesem nonchalanten Ausspruch gegenüber einer Journalistin zeigt sich sehr deutlich das Dilemma, das einige Protagonisten der psychedelischen Kultur in den letzten Jahrzehnten formuliert haben. Das darin beschriebene Phänomen ist real und betrifft alle, die den Dialog zwischen Erfahrenen und Nicht-Erfahrenen in Sachen Psychedelik ermöglichen wollen: die tiefe Kluft der Sprachlosigkeit angesichts des nicht-sprachlichen Charakters vieler Erfahrungen. Oder sagen wir genauer: bestimmter Phasen der psychedelischen Erfahrung. Wo die Unmittelbarkeit der Erfahrung und das Erleben jenseits verbaler Kategorien fehlt, mangelt es oft an Vokabeln und Begrifflichkeit, um das Erfahrene für Andere (gerade vermeintlich Unbedarfte) verständlich zu machen. Die Kommunikation bleibt einseitig und beschränkt sich auf szenetypische, oft esoterische Floskeln, die eher befremden denn Annäherung erwirken. Diese Form des Umgangs halte ich in zweierlei Hinsicht für problematisch:   Zunächst vermindert diese Art des Umgangs nicht die bestehende Kluft des Unverständnisses und Misstrauens zwischen den Psychedelik-Protagonisten und der breiten Öffentlichkeit. Ganz unabhängig davon, ob wir von substanz-induzierten oder nicht-pharmakologischen Erfahrungen berichten. Das Gegenteil ist der Fall: Durch den elitären Anspruch der „Eingeweihten“ verstärken sich die Differenzen zusätzlich, es geht plötzlich um quasi-religiöse Themen, die keine Diskussion zulassen. Ein interessierter Dialog bleibt unmöglich. Es ist ein Trugschluss anzunehmen, dass eine echte Auseinandersetzung auf eigener Erfahrung basieren müsste. Wenn dies der Fall wäre, könnten wir Menschen über viele Dinge nicht sprechen, die wir erst im Verlauf des Lebens erfahren: Autofahren vor dem 18. Lebensjahr, Sterben und auch die Sexualtherapie steckte in großen Schwierigkeiten. Ein Diskurs über ein Thema setzt nicht die Erfahrungsbasierung, sondern Imaginationswillen und –kraft, argumentative Fundierung und im optimalen Fall einen Erkenntniswillen beim Gegenüber voraus. Zudem bleiben auch in der Verarbeitung der eigenen Erfahrungen viele Dinge durch die fehlenden beschreibenden Worte unklarer, als es gut ist. Unser Geist funktioniert ganz wesentlich über Kategorien und Vergleiche im Alltagsbewusstsein zumeist deklarativ und Duden tauglich. Je abstrakter oder unvertrauter eine Erfahrung ist, desto mehr greifen Menschen auf Metaphern, Analogien und Allegorien zurück [1]. Genau darum geht es im Sprechen über die psychedelische Erfahrung. Um die Übersetzung der Erfahrungen aus erweiterten Bewusstseinszuständen zu ermöglichen, bedarf es der Schaffung eines Wort- und metaphorischen Bildschatzes, der die möglichst präzise Beschreibung dieser Art von Erfahrungen gestattet. Dadurch bewegt sich die psychedelische Erfahrung aus dem Erkenntnisfeld des Einzelnen in den zwischenmenschlichen Raum: sie wird besprechbar, ein Gegenstand des gesellschaftlichen Diskurses und keine nur für Eingeweihte zugängliche Erweckungserfahrung. Und dies eröffnet neben der inhaltlichen Auseinandersetzung über den eigenen Tellerrand hinaus auch die Möglichkeit, einer erhöhten Verknüpfbarkeit mit den Erfahrungen anderer. Dies kann bezüglich der eigenen Verortung zu Relevanz und den Inhalten der Erfahrung hilfreich sein und somit einen integrativen Umgang mit den psychedelischen Erfahrungen fördern. Darum geht es bei der MIND-Vision: psychedelische Erfahrung im Alltag nutzbar und wertvoller zu machen. Diese Versprachlichung der Erfahrungen jenseits der Sprache kann nicht nur Aufgabe jedes Einzelnen bleiben. Auch im größeren Feld der entstehenden Psychedelic Science und psychedelischen Kultur sollte es zu einer solchen allgemeiner verständlichen Kategorienbildung kommen. Eine Entwicklung, die im besten Fall einer Integration der psychedelischen Erfahrungskonzepte in gesellschaftliche Wahrnehmung ermöglichen. Und darüber hinaus eine objektivierende wissenschaftliche Betrachtung anstoßen wird. Diese Sprache zu finden und zu praktizieren, ist außerdem das beste Mittel gegen esoterische Verirrungen – die sich entgegen eigener Behauptungen einer exzessiven Versprachlichung bedienen. Aber ist es denn an den psychedelisch Erfahrenen, ihre Erfahrungen für den „Rest der Menschheit“ zugänglich zu machen? Ist das sinnvoll oder erstrebenswert? Meiner Auffassung nach ist es letztendlich unumgänglich: Wenn wir für eine größere gesamtgesellschaftliche Akzeptanz der psychedelischen Erfahrung eintreten wollen, ist es unsere Aufgabe, diese für ein kritisches Gegenüber verständlich und nachvollziehbarer zu machen. Und das gelingt nur in klar vermittelbaren Worten und Konzepten. Jenseits von verschwurbeltem Insiderjargon.   Andrea Zeuch und Henrik Jungaberle

Referenz

Lakoff G, Johnson M (1999) Philosophy in the flesh: the embodied mind and its challenge to western thought. Basic Books, New York

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