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Trauma mystischer Erfahrung

Eine Untersuchung phänomenologischer Ähnlichkeiten zwischen Trauma und mystischer Erfahrung

Übersetzt von Caroline Franzke, editiert von David Heuer

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Mackenzie Amara, M.A.

PhDcandidate

By trade Mackenzie is a writer, coach, and 5Rhythms® teacher. By vocation she is a Jungian analyst-in-training & clinical psychology doctoral student at Sofia University in Palo Alto, CA.

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Editiert von Lucca Jaeckel & Clara Schüler

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    „Die kosmische Liebe ist absolut erbarmungslos und höchst gleichgültig. Sie lehrt ihre Lektionen, egal ob sie einem gefallen oder nicht.“ ~ John C. Lilly

     

    Auf den ersten Blick scheint es vielleicht so, als gäbe es keine phänomenologischen Ähnlichkeiten zwischen traumatischen und mystischen Erfahrungen. Erstere neigen dazu, sich tief erschütternd bis katastrophal auszuwirken, wiederkehrendes Leiden zu katalysieren und der erfahrenden Person für längere Zeit ihre Kräfte zu nehmen. Über letztere wird oft angenommen, dass sie eitel Sonnenschein wären, Wellen der Glückseligkeit, die aus einem vereinten Epizentrum plätschern, von dem die erfahrende Person zufällig Teil ist.

    Während ich weder den Wahrheitsgehalt dieser Erfahrungen in Abrede stelle noch die Tatsache, dass Trauma und mystische Erfahrung für viele Menschen zwei voneinander gänzlich verschiedene Dinge sind und sich nicht überschneiden, ist dieser Essay eine kurze Untersuchung der gegenteiligen Behauptung: nämlich, dass Trauma und mystische Erfahrung phänomenologisch ähnlich, wenn nicht sogar identisch sind. Ich beabsichtige weder zu behaupten, dass jedes Trauma mystisch , noch dass eine mystische Erfahrung immer traumatisch ist. Es geht mir auch nicht darum, die Relevanz  mystischer Erfahrungen bei der Behandlung von Traumata darzulegen (obwohl es immer mehr Hinweise gibt, die diese Annahme stützen)  Ich hoffe lediglich zu ergründen, inwiefern, wenn wir uns auf die Suche danach machen, was genau einen mystischen Moment des Erwachens ausmacht, das unmittelbare Erleben davon so weit von Regenbogen und eitel Sonnenschein entfernt sein könnte, dass diese lebendige Erfahrung selbst traumatisch sein kann.

    WAS IST EINE TRAUMATISCHE ERFAHRUNG

    Zu Beginn werfen wir einen Blick auf das was eine traumatische Erfahrung ausmacht. Laut dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders 5 (DSM-5; deutsch: „Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“) beinhaltet eine traumatische Erfahrung „den bevorstehenden Tod, ernsthafte Verletzungen oder sexuelle Gewalt“ gegen sich selbst oder  eine geliebte Person.. Damit einher gehen zwingendermaßen eine Vielzahl von Symptomen, die bestimmte Verhaltensweisen, sowie psychische, emotionale und soziale Belastungen einschließen.1  Man könnte sagen, dass als ein Trauma alles gelten kann, was die erfahrende Person angesichts einer realen oder wahrgenommenen Bedrohung vorübergehend machtlos macht. Die Nachwirkungen eines traumatischen Erlebnisses sind Symptome, welche mit der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder der Akuten Belastungsstörung (ASD) in Verbindung gebracht werden. Diese Reaktionen können physiologisch, sozial, psychologisch und theologisch oder spirituell erforscht werden.

    Um Traumareaktionen auf einem physiologischen Level zu verstehen, wenden wir uns der Forschung des renommierten Traumatologen Peter Levine (PhD), zu, dem Begründer eines innovativen Ansatzes zur Traumabehandlung namens Somatic ExperienceTM. Laut Levine sind „traumatische Erfahrungen größtenteils das Ergebnis primitiver Reaktionen“2, was bedeutet, dass die Symptome, die Menschen nach einem Trauma erleben, aus natürlichen, evolutiv gerichteten physiologischen Körperreaktionen resultieren. Als Reaktion auf eine Bedrohung kämpft, flieht oder erstarrt („fight, flee, or freeze“) der Körper. Alle Tiere, auch menschliche, begegnen herausfordernden Bedrohungen instinktiv mit derartigen Schutzmechanismen, um den Tod zu vermeiden. Wenn ein Tier, ob Mensch oder nicht, einer herausfordernde Bedrohung begegnet, wendet es instinktiv eine dieser Reaktion als Schutzmechanismus an, um den Tod zu vermeiden. Wenn der attackierte Körper die natürliche instinktive Schutzreaktion nicht vollständig durchleben kann, bleibt der Eindruck einer Bedrohung bestehen.

    In Levines Worten: „Trauma ist eine intensive, nicht abgeschlossene biologische Stressreaktion auf Bedrohung, die mit der Zeit erstarrt.“2

    Die von mir angesprochenen Reaktionen „fight, flight or freeze” (deutsch: kämpfen, fliehen oder erstarren), werden den meisten Lesern und Leserinnen bekannt sein. Levine spricht hier über primitive Verhaltensreaktionen. Eine vierte davon, das sogenannte – „fawn“ (deutsch: das Einschmeicheln) – wurde erst kürzlich beschrieben und wird nun ebenfalls von Traumatologen untersucht. Kämpfen („fight“) bedeutet, sich im angesicht der Bedrohung aufzubauen und einen vermutlich erfolgreichen Gegenangriff vorzubereiten. Zu fliehen („flee“, d.i.. „flight“) bedeutet, vor einem Angriff wegzulaufen,  erstarren („freeze“) heißt, in eine vorübergehende Paralyse zu verfallen (wie zum Beispiel ein Reh im Licht der Fahrzeugscheinwerfer erstarrt), und  Einschmeicheln („to fawn“) meint, unbewusst um die Sympathie des Angreifers zu werben oder  sich einfach der Situationzu fügen (z.B. Stockholm-Syndrom). In freier Wildbahn, wenn bei Tieren eine dieser Reaktionen ausgelöst wurde, kann der energetisch enorm aufgeladene Körper, nachdem die Bedrohung vorüber ist, die entstandene Energie ganz natürlich abführen. Sie tun dies, indem sie sich schütteln oder zittern, Laute von sich geben oder auf eine andere Weise einen Teil ihrer körperlichen Energie „abladen“. Laut Levines Forschungen wird durch diese Entladung, das Trauma integriert, was die Wahrscheinlichkeit mindert negative Symptome zu entwickeln. Als Menschen wurden wir jedoch durch eine Kultur der Hyperrationalität auf Dissoziation – die Abkoppelung von körpereigenen Reaktionen – konditioniert . Das bedeutet, dass überschüssige Energie als Nachwirkung im Körper der traumatisierten Person angestaut bleibt – wie eine zusammengepresste Feder, die sich nicht lösen und wieder ausdehnen kann. Nach dieser Theorie ist es die angestaute, nicht-integrierte Energie, die zu vielen der genannten Symptome führt, die bei einer posttraumatischen Reaktion auftreten.

    Über die physiologische Reaktion hinaus, beeinflussen uns Traumata emotional, psychisch und spirituell. Laut Donald Winnicott, ein Pionier auf dem Feld der Kinderpsychologie, raubt das Trauma der erfahrenden Person ihre subjektive Allmacht, welche sie vorübergehend unfähig macht, sich mit der sie umgebenden Welt auseinanderzusetzen. Das kann sich wie eine starke Desillusionierung der Identität anfühlen, in der die wahrgenommene Dominanz im eigenen Leben in Frage gestellt wird.3 Ohne ein subjektives „Ich“ fehlt es an der nötigen Ausstattung für die Auseinandersetzung mit der Welt außerhalb des „Ich“. Das führt zu dem, was Heinz Kohut „disintegration anxiety“ (deutsch: Angst vor der Auflösung) nannte, oder, in den Worten des Jungianers Dr. Donald Kalsched, „ein unbeschreibliches Furchtgefühl, das mit der drohenden Desillusionierung des einheitlichen Selbst verbunden ist.“5 Dieser Mangel an einem kohärenten Selbstgefühl führt zu einer verminderten Fähigkeit, den eigenen Erlebnissen eine symbolische Bedeutung zu geben, da die Sinnhaftigkeit äußerer Begebenheiten aus der Beziehung dieser Erlebnisse zur eigenen inneren Welt resultiert und umgekehrt. Ein Trauma kann die Fähigkeit, sich mit dem inneren Erleben zu verbinden oder eine Brücke vom Inneren zum Äußeren zu schlagen, vorübergehend außer Kraft setzen und somit das Potenzial für Sinnfindung, Einsicht, Mitgefühl und sogar Transzendenz auslöschen. Auf diese Weise hat ein Trauma weitreichende psychische Folgen.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein Trauma alles ist, was uns mit unserer Verletzlichkeit, mit dem Tod konfrontiert. Die Folgen dieser Erfahrung sind oft eine schwer überwindbare Distanz zu sich selbst; das Gefühl, die eigene Identität verloren zu haben; unerklärlich, unangenehm und oft gewaltsam von reaktiven Impulsen überwältigt zu werden; ein tiefgreifender Verlust der eigenen Fähigkeit zur Sinngebung; chaotisches Erleben und schmerzhafte körperliche Symptome, die scheinbar ohne Ursache auftreten.

    WAS HEISST ES, EINE MYSTISCHE ERFAHRUNGZU MACHEN?

    Im Zuge der aktuellen psychedelischen Renaissance haben wir neue Ansätze in Epistemologie, Ontologie und Phänomenologie gewonnen, um mystische Erfahrungen zu untersuchen und zu verstehen. Dies hätte zu keinem günstigeren Zeitpunkt geschehen können, denn in dieser hypermodernen Welt, die eine Trennung von  Selbst, anderen und der Natur als normal erscheinen lässt, erfahren wir kollektiv die Malaise von spirituellem Bankrotts und Bedeutungslosigkeit. Doch trotz der Tatsache, dass Psychedelika ein Fenster zu mystischen Erfahrungen öffnen, stammt vieles von dem, was wir über solche Zustände wissen, aus den Bereichen der Theologie, Anthropologie sowie Psychologie und ist demnach weitaus älter als die aktuelle psychedelische Renaissance.

    Eine mystische Erfahrung wird als einer der wenigen „non-ordinary states of consciousness“ (NOSC, deutsch: nicht-alltägliche Zustände des Bewusstseins; von manchen auch als „altered states of consciousness“ (ASC, deutsch: veränderte Bewusstseinszustände) bezeichnet, insbesondere wenn die Bewusstseinsveränderung als Ergebnis einer Substanzeinnahme auftritt) betrachtet. Zu den anderen NOSCs zählen flow-states (deutsch in etwa:  vertiefter Tätigkeitszustand mit erlebten Glücksgefühl oder „Rauschzustand“ durch fokussierte Aktivität), meditative oder kontemplative Zustände und psychedelische Zustände (daher das aktuelle Interesse im Zuge der psychedelischen Renaissance). NOSCs werden laut dem Religionswissenschaftler Mircea Eliade auch durch sogenannte „sakrale Praktiken“6 ausgelöst. Damit beschreibt er Trance-induzierende Techniken, welche von schamanischen Kulturen weltweit eingesetzt werden, um sich auf die spirituellen Ebenen der Existenz einzulassen: Zustände der Ekstase, die Verbindung mit der transpersonalen Sphäre und Reisen in die Unterwelt. Diese Praktiken umfassen unter anderem das Tanzen, Trommeln, Singen, Fasten, Rituale und die Einnahme pflanzlicher Heilmittel.

    Auch wenn wesentliche Merkmale einer mystischen Erfahrung unbeschreiblich bleiben (was den Diskurs darüber manchmal ziemlich verworren macht), werde ich mich für den Zweck dieses Artikels Henri Bergson, Aldous Huxley, William James, Jeffrey Kripal, Carl Jung, Houston Smith und viele anderen Stimmen anschließen und die Theorie eines „reducing valve“ (deutsch: Reduktionsventil) vertreten:  Dies beschreibt die Vorstellung, wie dominierende Gehirnfunktionen, den Zugang zueinem erweiterten Bewusstsein regulieren und einschränken. Laut den befürwortenden Stimmen dieser Theorie, können die von Eliade erläuterten sakralen Praktiken, dieses Reduktionsventil bzw. die Begrenzungen im Gehirn effektiv abschwächen und eine vermeintlich a priorische Realität hinter und unter dieser Ventilfunktion freilegen. Demnach lösen NOSCs keine mystischen Erfahrungen aus, genauso wenig wie ein Radiokanal die Frequenz erzeugt, die er aufnimmt. Mit anderen Worten – eine mystische Erfahrung entsteht in Folge des Herunterfahrens von „Etwas“, nicht durch das Hinzufügen von anderen Dingen. Dieses „Etwas“, das für ein unerwartetes Herunterfahren anfällig ist, könnte als „Ego“ bezeichnet werden, obwohl ich glaube, dass diese Idee, ein bisschen zu sehr rationalistischen und reduktionistischen Ansätzen folgt, die einem umfassenden Bild so noch nicht gerecht werden.

    Nach dieser Theorie liegt dem Bewusstsein während des normalen Wachzustandes eine a priorische „unmittelbare Helligkeit“7, ein „Mind-at-large“8 (deutsch in etwa: ein größtmögliches Bewusstsein) oder eine „kosmische Ordnung“9 zugrunde, von welcher wir üblicherweise durch einen Standard- oder „default“ Zustand ausgeschlossen sind. Während einer mystischen Erfahrung kann man einen Blick auf diese weitreichendere Realität erhaschen, die sehr wohl alle unserer bislang angenommenen rationalen Überzeugungen darüber, was real ist und was nicht, herausfordern kann.

    Bergson vermutet, dass die Funktion des Reduktionsventils darin besteht, den kontinuierlichen bewussten Zugang zu dem verknüpften Realitätsnetzwerk einzuschränken, damit wir nicht überwältigt werden von der allgegenwärtigen Flut an potenziell relevanten Verknüpfungen, die sich um uns herum winden, verflechten, tanzen und uns ausweichen. Neurowissenschaftliche Untersuchungen über die Auswirkung von Psychedelika auf das Gehirn, sprechen für die Theorie, dass das sogenannte Default Mode Network (kurz DMN_deutsch: Ruhezustandsnetzwerk oder neuronales Netzwerk für die Aufrechterhaltung kortikaler Generalprozesse), möglicherweise mit Bergsons Reduktionsventil korreliert, da Neuronen im DMN Informationen aktiv austauschen, während dasrestliche Gehirn eher unbeschäftigt  zu sein scheint.10 Das DMN ist eine Ansammlung funktionell verbundener Gehirnareale, die an der Verarbeitung von Informationen über das Selbst beteiligt sind. Es besteht die Annahme, dass sie kollektiv als eine Art grundlegender Identitätsgenerator fungieren.11 Dieses neuronale Netzwerk scheint auch aktiv zu sein, wenn Gedanken abschweifen (origin: mind wandering), da Personen in meditativen Zuständen Gedanken fokussieren (origin: non-mind wandering state) können und eine geringere Aktivität im DMN aufweisen, wie Gehrinscans zeigen.12

    Es könnte sein, dass diese  „default“-Funktionsweise, die bewusste Vorstellung eines „Ichs“ aufrecht hält, welches zwangsläufig kleiner und begrenzter als die zugrunde liegende Realität ist. Es tritt eine signifikante neurologische Veränderung während einer mystischen Erfahrung auf -egal ob psychedelisch bedingt oder nicht, die Aktivität des DMN ist vorrübergehend gehemmt. Dies erzeugt einen Zustand „vorübergehender Hypofrontalität“13, in dem es sich so anfühlen kann, als ob der Verstand nicht länger durch die persönliche Identität geblendet ist und die „Pforten der Wahrnehmung“ offen stehen. Eine mystische Erfahrung hat ganz unabhängig von der angewendeten transformativen Praxis, gewisse universelle Eigenschaften, wie von Walter Stace erläutert. Zu ihnen gehören unter anderem die Unbeschreibbarkeit und Paradoxie, ein beständiges Empfinden von Einheit und eine lebendige Gnosis oder eine noetische Grundhaltung, wodurch das Gefühl  für eine tiefere Wahrheit die erfahrende Person zu durchdringen scheint.14

    Die aktuelle Forschung legt nahe, dass eine psychedelisch bedingte mystische Erfahrung zu dauerhaften positiven Veränderungen im Leben von Menschen führen kann, die unter Drogenmissbrauch oder posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, sowie Angst vor dem Ende ihres Lebens haben. Diese Veränderungen können ein höheres Maß an Offenheit und psychischem Wohlbefinden, sowie ein verringertes Ausmaß an Abhängigkeit von Drogen, Alkohol oder anderen zwanghaft negativen Verhaltensweisen umfassen.15

    WENN DAS MYSTISCHE GRAUSAM ODER ZUM MYSTERIUM TREMENDUM WIRD

    Während die Beschreibung mystischer Erfahrungen und der darauffolgenden positiven Veränderungen höchst wünschenswert klingt, möchte ich das offene Geheimnis der Mystik erkunden; nämlich, dass oft die erste Station auf dem Weg zu solchen mystischen Offenbarungen sich schließlich als Schrecken, Grauen, Angst, Panik und Desillusionierung entpuppen kann. Der Psychiater Stanislav Grof hat nach Tausenden von LSD-Psychotherapiesitzungen mit hunderten Patienten, die Natur dieser einzelnen Formen des Schreckens als „perinatale Erfahrungen“ umrissen. ein Rahmenwerk, das er durch Interpretation von Arbeiten des renommierten Psychologen Otto Rank aus dessen Klassiker „Das Trauma der Geburt“ geschaffen hat. Laut Grof bündeln sich perinatale Erfahrungen „in Problemen, die sich auf die fetale Existenz, die biologische Geburt, körperliche Schmerzen, Krankheit, Altern, Sterben und Tod beziehen“.16 Grof vermutet, dass Personen während einer LSD-Psychotherapiesitzung mit der viszeralen, psychischen Erinnerung des eigenen Werdens konfrontiert werden, sprich mit dem Trauma der Geburt. Laut Grof kann diese Konfrontation zu starken realen, emotionalen, psychischen und spirituellen Schmerzerfahrungen führen.

    Grof erläutert die einzelnen Stadien dieser Erfahrung in vier unterschiedlichen Matrizen, die er „Basic Perinatal Matrices“ (BPM, deutsch: perinatale Grundmatrizen) nennt. Grofs Theorie, warum sich diese perinatalen Erfahrungen so lebensbedrohlich anfühlen können, beruht simpel gesagt darauf, dass sich die Erfahrung eines Neugeborenen während des Geburtsprozesses wiederholt. Es geht um den unglaubliche Schock, den Säuglinge erleben, wenn sie in einer fruchtbaren, dunklen, (idealerweise) ernährenden Gebärmutter eingeschlossen sind und ohne große Wahlmöglichkeit, plötzlich aus dieser Gebärmutter durch eine Reihe von schmerzhaften, druckbelasteten, chemisch fremdartigen Wehen herausgezwungen werden. Sowohl Mutter als auch Kind erleben die Geburt häufig als qualvoll. Doch die Mutter ist mit Weitsicht ausgestattet. Säuglinge haben keine Vorahnung von dem, was mit ihnen geschieht, und so ist die Geburt für sie gleichbedeutend mit dem Sterben. Grof merkt an, dass für das Individuum, das eine perinatale Matrix während einer psychedelischen Erfahrung durchlebt, dieser Geburtsprozess oft in einer scheinbaren Tod-Wiedergeburtserfahrung rekapituliert wird, die derjenigen ähnelt, die sie während ihrer eigentlichen Geburt durchgemacht haben. Die Erfahrungen der BPM reichen von überwältigenden Gefühlen des Eingeschlossenseins oder Erstickens, entsetzlichen Visionen von höllischen Gefilden und Alptraumlandschaften, dem unerschütterlichen Beharren der Leere, welche unaufhörlich Fragen nach dem Sinn des Lebens aufwerfen, bis hin zu scheinbar unendlichen Erfahrungen eines „das wird nie enden“. Grof hebt außerdem hervor, dass die Befreiung von diesen schockierend dunklen Erfahrungen von den meisten Menschen oft als Leuchtkraft,  Transzendenz oder  strahlende, unbeschreibliche Glückseligkeit erlebt wird. In anderen Worten – die klassische, begehrenswerte mystische Erfahrung.

    Die Dunkelheit, Erniedrigung und tiefe Angst, die Grof während seiner Tausenden an psychedelischen Therapiesitzungen erlebte, sind nicht neu. In zahlreichen Traditionen schreiben Mystiker über den Schmerz der Kapitulation des Selbst, das Schrecken der Begegnung mit dem Numinosen17 oder die phänomenale Erschütterung, die eintreten muss, um den Verstand von Illusionen zu befreien. Der vielleicht berühmteste Bericht über diese Erfahrung stammt von dem christlichen Mystiker Juan de la Cruz (Johannes vom Kreuz), der in seinem Buch „Die dunkle Nacht der Seele“ mit akribischer Klarheit seinen eigenen Identitätsverlust bzw. die Entdeckung der Divinität beschreibt. In der Tat wird dieser Ausdruck heute recht häufig verwendet, um sich auf die notwendige Dunkelheit zu beziehen, die auf vielen verschiedenen spirituellen Reisen auftritt.

    Prof. Christopher Bache, Professor für Religionswissenschaften an der Youngstown State University und Autor von „LSD and the Mind of the Universe“ (deutsch in etwa: „LSD und der Verstand des Universums“), schrieb einen Aufsatz, in dem er Grofs perinatale Grundmatrizen mit dieser „dunklen Nacht der Seele“ vergleicht. In diesem Aufsatz wird ein solcher reinigender Aspekt sowohl berichtet von Juan de la Cruz über die Via Negativa (d.h. der negative Weg oder der Weg der Veräußerung, der Befreiung von allem, was zwischen dem Selbst und Gott steht, der Reinigung von Falschheit) und Grofs Beschreibung der Konfrontation mit den höllischen Welten, die hunderte Patienten erlebt hatten. Zeile für Zeile scheint es, als ob diese Erfahrungen – ob die Schilderung der perinatalen Erfahrungen oder de la Cruz schmerzhaftes Zeugnis über die Jahre, die er in der „dunklen Nacht“ verbracht hat – als ob diese Erfahrungen eine phänomenologische Kernidentität teilen. Prof. Bache behauptet, dass es vielleicht gerade die Reinigung von aller Falschheit (d.h. der Glaube an die Illusion eines getrennten Selbsts) ist – etwas, das sowohl von Stanislav Grof als auch von Juan de la Cruz diskutiert wird –, das zur mystischen Erfahrung führt, indem er schreibt, dass „diese radikale Reinigung notwendig ist, da, wenn man Gott sein will, alles in einem selbst entfernt werden muss, was Gott nicht ähnlich ist.“18 Wenn wir uns an die oben erwähnte Theorie eines Reduktionsventils erinnern, können wir beginnen, Theorien darüber aufzustellen, was während einer mystischen Erfahrung geschehen mag. Könnte es sein, dass durch eine Art Eliminierung eines konstruierten Selbst, durch das Sich-Entledigen des begrenzten Reduktionsventils, einem letztlich etwas Weiteres gezeigt wird, das a priori hinter dem Schleier der Identität existiert?

    EINE MYSTISCHE ERFAHRUNG KANN TRAUMATISCH SEIN

    Ich behaupte, dass dieser Prozess der Reinigung subjektiv und à la Levine objektiv traumatisch ist – sei es in dem Kontext der LSD-Psychotherapie à la Grof, beim Gehen der Via Negativa à la Juan de la Cruz oder beim Versuch, sich auf irgendeine andere Art von Praktiken einzulassen, die einen dazu führen könnten, die eigenen rationalen Überzeugungen über Trennung des Selbst und seine tief verwurzelten Vorstellungen über Identität in Frage zu stellen. Um diese Aussage zu erforschen, lassen Sie uns untersuchen, wie mystische Erfahrungen als traumatisch angesehen werden können.

    Zunächst möchte ich ein Konzept des berühmten deutschen Philosophen und Theologen Rudolph Otto vorstellen. Laut Otto beinhaltet eine Begegnung mit dem Numinosen, d.h. der  unaussprechlichen Essenz, welche vorhin schon angdeutet wurde (z.B. „unmittelbare Leuchtkraft“ usw.), immer etwas vom Mysterium Tremendum, dem gewaltigen, Ehrfurcht und Schrecken erregenden Geheimnis. Laut Otto fühlt sich diese Art von Begegnung aus der Perspektive der Identität oder des Egos lebensbedrohlich an, einen Standpunkt, den er durch die de facto Existenz einer welterschütternden Angst, die man in der Präsenz des Numinosen empfindet, untersucht.17 Diese Bedrohung des Lebens ähnelt der Lebensbedrohung, die während einer traumatischen Erfahrung erlebt wird. Mystische Erfahrungen können auch lebensverändernd sein, wie einige der vorhin genannten Forschungsarbeiten deutlich zeigen.19 Eine mystische Begegnung mit dem Numinosen, welche laut Otto nicht wenig an Schrecken beinhaltet, kann Veränderungen des Lebensstils katalysieren und einen dazu inspirieren, sich gänzlicher an der Mitgestaltung des eigenen Lebens zu beteiligen und das Gefühl der Sinnhaftigkeit in der eigenen Psyche zu revolutionieren.17 Diese Art der Veränderung des Lebens ähnelt der Veränderung, welche nach einer traumatischen Erfahrung erlebt wird, nur ist diese Art der subjektiven Veränderung um einiges besser.

    Weiteres stellen mystische Erfahrungen wie auch Traumata die Auffassung der Willenskraft in Frage, wie wenn die subjektive Allmacht, von der Winnicott spricht, verletzt wurde und die Fähigkeit, autonom zu handeln, gestört wurde oder wenn, wie Juan de la Cruz schrieb, willentliche Handlungen durch etwas vereitelt zu werden scheinen, das als göttliches Eingreifen erlebt wird. Beides kann zur Folge haben, dass sich von früheren Hobbys, sozialen Kreisen und Verhaltensmustern entfremdet wird. Beide stellen eine enorme Herausforderung an bisherige Weltanschauungen, kulturelle Normen und das eigene Selbstverständnis dar. Und schließlich tragen beide eine körperliche Belastung mit sich, sei es durch die angestaute Energie früherer Erlebnisse oder durch das Loslassen von früheren Erfahrungen. Auf diese Weise lässt es sich so verstehen, dass, ähnlich wie die Dunkle Nacht des Juan de la Cruz phänomenologisch mit Grofs Beschreibung perinataler Erfahrungen verwandt ist (die während einer LSD-Psychotherapiesitzung durchlebt werden könnten), eine persönliche Begegnung mit dem Numinosen mit  traumatischen Erfahrungen verwandt ist.

    Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass das Numinose nicht nachdrücklich zu begrüßen ist, wenn es anklopft. Das Redunktionsventil im Verstand selbst so weit heruntergefahren zu haben, dass die „unmittelbare Leuchtkraft“ einer direkten Erfahrung das eigene Bewusstsein durchdringen kann, hat das Potenzial, ein unermesslicher Segen zu sein. Selbst wenn sich die Folgen chaotisch und schwer zu integrieren anfühlen. Das bedeutet, dass, wenn das „Mind-at-large“ entdeckt wird, nicht nur die Sonnenseiten der Erfahrung zu erwarten sind, da der Körper jede Bedrohung durch den Tod als Trauma wahrnimmt und zweifellos entsprechend reagieren wird. Bedenken Sie jedoch– sollten Sie in die „dunkle Nacht“ entlassen werden – die Worte von Peter Levine : „Während ein Trauma die Hölle auf Erden ist, ist ein aufgelöstes Trauma ein Geschenk der Götter.“

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    Quellen
    1. DSM-5, APA 2013, p. 271-272
    2. Levine P. Waking the Tiger: Healing Trauma.  Berkeley, CA: North Atlantic Books; 1997.
    3. Winnicott, D. Playing and Reality. New York, NY: Routledge; 1971.
    4. Kohut, H. The Restoration of the Self. Chicago, IL: Chicago University Press;1977.
    5. Kalsched, D. The Inner World of Trauma. New York, NY: Routledge;1996.
    6. Eliade, M. Shamanism: Archaic Techniques of Ecstasy. Princeton, NJ: Princeton University Press;1964.
    7. James, W. The Varieties of Religious Experience. New York, NY: Longmans, Green, and Co;1917
    8. Huxley, A. The Doors of Perception. New York, NY; Harper Collins;1954.
    9. Jung, CG. Collected Works 9i: Archetypes and the Collective Unconscious. Trans. R. F. C. Hull. Princeton, NJ: Princeton University Press;1959.
    10. Carhart-Harris R, Erritzoe D, Williams T, et al. Neural correlates of the psychedelic state as determined by fMRI studies with psilocybin. Proc Natl Acad Sci U S A. 2012 Feb 7; 109(6): 2138 – 2143.
    11. Qin, P & Northof G. How is our self related to midline regions and the default-mode network?. NeuroImage. 2011 Aug 1; 57(3): 1221-1233.
    12. Brewer JA, Worhunsky PD, Gray JR, Tang YY, Weber, J, & Kober H. Meditation experience is associated with differences in default mode network activity and connectivity. Proc Natl Acad Sci U S A. 2011 Dec 13; 108(50): 20254 – 20259.
    13. Dietrich, A. Functional neuroanatomy of altered states of consciousness: the transient hypofrontality hypothesis. Conscious Cog. 2013 June; 12(2): 231 – 256.
    14. Stace, W. Mysticism and Philosophy. London, UK: Macmillan & Co; 1961.
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