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INSIGHT Conference Series | IV

Der Beitrag der Philosophie zur psychedelischen Forschung und Therapie

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: English English

Jared Parmer, Ph.D.

Volontär im MIND RKE Department

Jared Parmer erforscht die Ethik der Technologie und arbeitet ehrenamtlich bei MIND, um den Blog, die INSIGHT 2021 Konferenz und die MMA Philosophy Section zu unterstützen.

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Patrick Wentorp

MIND Komunikations & Konferenzmanager

Patrick Wentorp ist Kommunikations- und Konferenzmanager bei der MIND Foundation.

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    • Juli 16, 2021
    • Bewusstseinsforschung
    • Philosophie & Bewusstsein
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    Zwischen Juni und August 2021 veröffentlichen wir eine Reihe von Blogbeiträgen über die INSIGHT Konferenz der MIND Foundation. Die Blogposts beschreiben Leitideen, die diese zweijährlich stattfindende Zusammenkunft in Berlin antreiben. Die zweite Ausgabe von INSIGHT findet vom 9. bis 12. September im Langenbeck-Virchow Haus in Berlin statt. Sie wird auch per Live-Stream in die Welt übertragen. In diesem Blogpost beleuchten wir die Rolle der Philosophie in der Erforschung veränderter Bewusstseinszustände und die Rolle der Philosophie auf der INSIGHT Konferenz 2021.

    In diesem kurzen Blogpost soll gezeigt werden

    • wie die Philosophie (insbesondere Erkenntnistheorie, Metaphysik, Phänomenologie und Ethik) zur psychedelischen Forschung im Allgemeinen beitragen kann, und
    • wie dies bei INSIGHT Konferenz 2021 reflektiert und zum Ausdruck gebracht wird.

    Es ist nicht das Ziel und auch nicht möglich, in diesem Beitrag tiefgehende Antworten auf die großen philosophischen Fragen der psychedelischen Forschung zu geben. Stattdessen ist der Leser eingeladen, das Zusammenspiel von Philosophie & psychedelischer Forschung neugierig und wissbegierig zu erforschen.

    Was sind psychedelische Erfahrungen?

    Um qualitativ hochwertige empirische Forschung zu psychedelischen Erfahrungen betreiben zu können, brauchen wir zunächst eine gute Definition dessen, was eine psychedelische Erfahrung ist. Zwar sind viele psychedelische Erfahrungen leicht zu erkennen, wenn sie auftreten, aber es kann auch Grenzfälle geben, in denen eine klare Benennung schwieriger ist. Darüber hinaus mag es auch Fälle geben, die nicht paradigmatisch deshalb schwerer zu erkennen sind. Zum Beispiel kann einer Erfahrung die scheinbar charakteristischen visuellen Aspekte eines psychedelischen “Trips” fehlen, oder sie kann durch eine Aktivität wie Meditation oder immersive Atemarbeit ausgelöst werden. Sollten solche Erfahrungen als psychedelisch gelten? Warum ja und warum nicht?

    Die Definition von “psychedelischen Erfahrungen” in entweder vagen oder übergeneralisierten Begriffen wie “veränderte” oder “nicht-alltägliche Zustände” ist nicht ausreichend für eine klare Konzeptualisierung. Ebenso wenig reicht es aus, das Wort ‘psychedelisch’ nur etymologisch zu erklären.

    Um besser zu bestimmen, was psychedelische Erfahrungen sind, bedarf es einer klaren und strengen Begriffsbildung:

    • Was sind wesentliche Aspekte psychedelischer Erfahrungen?
    • Wie können sie definiert werden?
    • Wie können sie unterschieden und kategorisiert werden?

    Dies ist eine der Eintrittstüren für die Philosophie zur psychedelischen Wissenschaft. Ohne eine klare Definition würden weitere Experimente und Studien wahrscheinlich keine sehr aussagekräftigen Daten liefern. Wir müssen zum Beispiel in der Lage sein, psychedelische Erfahrungen in ihre verschiedenen Aspekte zu zerlegen, um herauszufinden, welche Aspekte – wenn überhaupt – den beobachteten therapeutischen Nutzen der Einnahme psychedelischer Substanzen erklären.

    Darüber hinaus zielt die psychedelische Forschung im Gegensatz zur Messung von Objekten in der Außenwelt, wie z.B. dem Klimawandel, auf die Erforschung psychologischer Prozesse ab. Und diese psychologischen Prozesse, da sind sich viele Philosophen und Kognitionswissenschaftler einig, enthalten auch eine subjektive Dimension.1,2

    Seit Jahrzehnten gibt es in der Philosophie, der Psychologie und neuerdings auch in den Neurowissenschaften eine Debatte darüber, ob das Bewusstsein ohne Einbeziehung dieser sogenannten Ich-Perspektive verstanden werden kann oder nicht. Einige Phänomenologen argumentieren, dass gerade bei psychedelischen Erfahrungen die subjektive Ich-Perspektive ein wichtiger Teil zum Verständnis des Ganzen darstellt.

    Ursprünglich vom Philosophen Edmund Husserl im Jahr 1905 definiert, kann die Phänomenologie im Allgemeinen als das Studium der ‘Phänomene’ beschrieben werden: die Erscheinungen der Dinge, oder die Dinge, wie sie in unserer Erfahrung erscheinen, oder die Art und Weise, wie wir die Dinge erleben, also die Bedeutungen, die die Dinge in unserer Erfahrung haben.3

    In Anerkennung dieser Ich-Perspektive gibt es eine wachsende Zahl von qualitativen Studien in der psychedelischen Forschung, die Daten darüber sammeln wollen, was psychedelische Erfahrungen für Menschen bedeuten, wie sie sich während und nach einer Erfahrung fühlen, wie sich ihr Gefühl für die Welt durch sie verändert und vieles mehr.4

    Um diese Forschung zu betreiben, braucht es Sprache. Sprache impliziert, sich mit kognitiven Konzeptualisierungen des Phänomens auseinanderzusetzen. Die Konzepte, die aus dieser Arbeit hervorgehen, können dann in der quantitativen Forschung verwendet werden, z. B. um bessere Fragebögen zu erstellen.

    Sind psychedelische Erfahrungen Halluzinationen?

    Eine weitere Möglichkeit, wie Philosophen zur psychedelischen Forschung beitragen, besteht darin, den epistemischen Wert psychedelischer Erfahrungen zu hinterfragen. In einfacheren Worten: Gewinnen Menschen, die eine psychedelische Erfahrung machen, Wissen über sich selbst oder die Welt, oder halluzinieren sie einfach?

    Diese Frage ist besonders relevant, weil einer der Aspekte, der eine psychedelische Erfahrung zu konstituieren scheint, ihre noetische Qualität ist, d.h. das Gefühl einer unvermittelten Einsicht in die Realität, insbesondere in sich selbst.5 Diese Erfahrungen werden von denen, die sie haben, oft als bedeutungsvoller und realer als die alltägliche Realität beschrieben. Doch ist dieses Gefühl überhaupt zutreffend? Philosophen wie Dr. Chris Letheby, der auch bei INSIGHT 2021 präsentieren wird, wollen das herausfinden.

    Letheby bietet einen eleganten Ansatz für diese Frage, indem er vorschlägt, dass psychedelische Erfahrungen den Status haben sollten, epistemisch unschuldig zu sein.6 Damit meint er, dass psychedelische Erfahrungen, auch wenn sie inhaltlich nicht wahrheitsgetreu sind (d.h. sie stellen keine genaue Abbildung der Realität dar), dennoch einen epistemischen Wert bieten können. Sie können dies indirekt tun, indem sie zu einer erhöhten Verbundenheit sowie einer stärkeren Motivation führen, sich aktiv in der Welt und der Gesellschaft einzubringen, was den Forscherdrang und kritisches Denken fördern kann; und sie können dies direkter tun, indem sie die Kontingenz unseres Selbstgefühls7 und unseres Gefühls für das Vergehen der Zeit8 offenbaren. Dies soll zeigen, dass psychedelische Erfahrungen Menschen helfen können, eine neue Beziehung zu sich selbst, aber auch zu anderen und zur Welt als Ganzes zu entwickeln. Wenn sie in einem sicheren und legalen Rahmen verwendet werden, können psychedelische Erfahrungen ein Potenzial für Therapie und menschliche Entwicklung bieten. Dies ist ein guter Ansatzpunkt, um gegen die weit verbreitete Vorstellung zu argumentieren, dass Psychedelika lediglich Halluzinationen hervorrufen.

    Allerdings ergeben sich daraus, wie so oft in der Philosophie, neue Fragen. Hängen positive therapeutische Ergebnisse irgendwie damit zusammen, ob Patienten nicht wahrheitsgetreue oder wahrheitsgetreue Erfahrungen hatten? Und ist es ethisch vertretbar, Psychedelika in der Psychiatrie und Psychotherapie einzusetzen, wenn nicht vollständig geklärt werden kann, ob die Probanden nicht doch “falsche Realitäten” erleben?

    Wie könnte eine Bewusstseinsethik aussehen?

    Das bringt uns zu einer anderen Disziplin der Philosophie: der Ethik. Denn was für Individuen und Gesellschaften nützlich oder gut ist, lässt sich nicht allein durch empirische Untersuchungen ermitteln, sondern bedarf einer normativen Dimension.

    Plakativ und provokativ gesagt: Nicht einmal alle Daten aus der Psychologie, den Neurowissenschaften und anderen kognitiven Wissenschaften sagen uns etwas darüber, was ein gutes Leben ist. Selbst wenn die Kognitionswissenschaft schließlich ein vollständiges Bild davon liefert, wie das Gehirn und der Geist funktionieren – einschließlich dessen, was zum Beispiel Stress, Frustration, Zufriedenheit oder Nervenkitzel verursacht -, muss sie durch normative Urteile darüber ergänzt werden, welche dieser Zustände wir anstreben sollten, und zu welchem Preis. Wie Thomas Metzinger betont, sind wir angehalten, nicht nur zu bestimmen, was ein gutes Leben, sondern auch, was ein guter Bewusstseinszustand ist.9 Diese zwei Fragen hängen miteinander iin dem Sinne zusammen, dass viele gute Bewusstseinszustände letztlich zu einem guten Leben führen können.

    Durch die Technologisierung gibt es eine wachsende Zahl von Werkzeugen – psychoaktive Substanzen, virtuelle Realität, KI und mehr -, die veränderte Zustände im menschlichen Bewusstsein hervorrufen können. Aber welche Zustände sollten wir herbeiführen, und mit welchen Mitteln?

    Das Bestreben, eine Ethik des Bewusstseins zu etablieren, erfordert die Demut zu wissen, dass es schwierig ist, absolute Antworten zu finden. Stattdessen können und sollten Fragen wie die folgenden sowohl auf kollektiver als auch auf individueller Ebene diskutiert und erforscht werden:

    • Was macht einen Zustand des Bewusstseins zu einem wertvollen Zustand?
    • Wie können wir lernen, wertvolle Bewusstseinszustände zu kultivieren?
    • Wer soll bestimmen, welche Zustände wertvoll sind und welche nicht?
    • Welche Fähigkeiten, Normen und Praktiken sind erforderlich, wenn eine Gesellschaft eine Ethik des Bewusstseins etablieren will?

    INSIGHT 2021 bietet den Raum, die Werkzeuge und die Expertise, die notwendig sind, um Fragen wie diese und viele andere, die in diesem Blogpost nur angerissen werden konnten, bestmöglich zu beantworten. Vom 9.-12. September werden viele neugierige, leidenschaftliche und kritisch denkende Menschen zusammenkommen, um zu teilen, zu debattieren, zu erleben und sicherlich auch zu genießen. Seien Sie dabei und kommen Sie zur INSIGHT 2021!

    Unsere Arbeit bei MIND ist auf Spenden von Menschen wie Ihnen angewiesen.

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    Quellen:
    1. Jackson, F. (1982). Epiphenomenal Qualia. The Philosophical Quarterly,(127), pp. 127-136.
    2. Nagel, T. (1974). What Is It Like to Be a Bat? The Philosophical Review, 83, pp. 435-450.
    3. Smith, D. W. (2018). Phenomenology. In E. N. Zalta, Stanford Encyclopedia of Philosophy. Retrieved from https://plato.stanford.edu/archives/sum2018/entries/phenomenology/ .
    4. Millière, R., Carhart-Harris, R.-L., Roseman, L., Trautwein, F.-M., Berkovich-Ohana, A. (2018). Psychedelics, meditation, and self-consciousness. Frontiers in Psychology.
    5. Stace, W. (1960). Mysticism and philosophy. Philadelphia: Lippincott.
    6. Watts, R., Day, C., Krzanowski, J., Nutt, D., Carhart-Harris, R. (2017). Patients ’ Accounts of Increased “ Connectedness ” and “ Acceptance ” After Psilocybin for Depression. Journal of Humanistic Psychology, pp. 520–564.
    7. Wittmann, M. (2018). Altered States of Consciousness: Experiences Out of Time and Self. Cambridge: MIT Press.
    8. Letheby, C. (2016, 39). The Epistemic Innocence of Psychedelic States. Consciousness and Cognition, pp. 28-37.
    9. Metzinger, T. (2009). Der Ego Tunnel (Chapter 9). Berlin: Berlin Verlag Gmbh.