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INSIGHT Konferenz Serie | III

Eins sein und anders sein

Diversität auf der INSIGHT Konferenz

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Vorstand und Directors der MIND Foundation

Der Vorstand und die Directors der MIND Foundation führen und repräsentieren die Organisation.

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Rachel Powelson, B.A.

Communications Intern

Rachel Powelson is a Communications Intern at the MIND Foundation and is currently pursuing a Master’s degree in Anthropology in Münster, Germany.

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    • News
    • 17 minutes
    • Juni 30, 2021
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    Zwischen Juni und August 2021 veröffentlichen wir eine Reihe von Blogbeiträgen über die INSIGHT Konferenz der MIND Foundation. Die Blogposts beschreiben  Leitideen, die diese zweijährlich stattfindende Zusammenkunft in Berlin antreiben. Die zweite Ausgabe von INSIGHT findet vom 9. bis 12. September im Langenbeck-Virchow Haus in Berlin statt. Sie wird auch per Live-Stream in die Welt übertragen. In diesem dritten Blog-Beitrag der Serie geht es um Diversität und wie sie Köpfe hier und dort bewegt. Das MIND Kernteam besteht aus Kolleginnen und Kollegen aus 14 Nationalitäten und drei Kontinenten – und um uns herum viele weitere Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlichen Hintergründen. Sie selbst kommen aus Kontexten, in denen es strukturierte öffentliche Gesundheitssysteme gibt – oder auch nicht; sie kommen aus sozialen Kontexten, in denen “Vielfalt” ausgesprochen als rassische Vielfalt verstanden wird – oder aus Kontexten, die ein viel breiteres Verständnis von sozialen Faktoren haben, die Sozial- und Gesundheitsverhalten bestimmen. Im Folgenden werden solche Diskussionen reflektiert, um die Rolle zu bestimmen, die wir aktuell Fragen der Vielfalt zuweisen, wenn es um die Konferenz geht.

    „EINHEIT IN VIELFALT” IST SEIT DEM JAHR 2000 DAS MOTTO DER EUROPÄISCHEN UNION

    WEBSITE DER EUROPÄISCHEN UNION (EUROPA.EU)

    “DIE FÄHIGKEIT, UNTERSCHIEDE AUFZUDECKEN, ZU VERSTEHEN UND KONSTRUKTIV MIT IHNEN UMZUGEHEN, IST EINE DER WICHTIGSTEN HERAUSFORDERUNGEN UNSERER ZEIT.”  – RIALL W. NOLAN1

    Es gab Momente in der Geschichte, in denen sich ein großer Teil der Erdbevölkerung vereint fühlte. In diesen Momenten erschien die Wahrnehmung, „Mensch“ oder „eine Menschheit“ zu sein, wichtiger als die Wahrnehmung, Russe, US-Amerikaner, Kenianer, Brasilianer oder Inder zu sein. Für diejenigen, die 1969 Zugang zum Fernsehen hatten, war die Mondlandung einer dieser Momente. Für andere war es das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Amtseinführung von Barack Obama oder auch das Eintauchen in ein außerordentlich schönes Musikstück – sei es ein Raga oder Richard Strauss’ „Letzte Lieder“.

    Menschen sind aber auch verschieden. Und viele Menschen erfahren die Unterschiede in Bezug auf Alter, sozioökonomischen Status, Besitz, Hautfarbe, biologisches und soziales Geschlecht, Religion, kulturelle Praktiken, Bildungsressourcen und/oder die Möglichkeit, Zugang zu Technologie zu erhalten, als leidvoll. Wie können wir also zugleich eins und verschieden sein?

    Wie viele andere Organisationen führen auch wir bei der MIND Foundation kontinuierlich Gespräche über Ungleichheiten und die Vertretung von Minderheiten, um Inklusion und Initiativen zur Überwindung von Ungerechtigkeiten zu unterstützen. Bei der INSIGHT 2019 gab es beispielsweise eine kritische Bemerkung von einem Teilnehmer aus dem Publikum. Konkret kritisierte dieser Teilnehmer, dass mehr Männer als Frauen auf die Bühne kamen. Wir haben uns daraufhin bemüht, dieses Problem anzugehen, indem wir für die INSIGHT 2021 unter anderem ein reines Frauen-Panel eingerichtet haben.

    Darüber hinaus vereinen sich in der MIND Members Association (MMA) 50 verschiedene Nationalitäten, die in 33 Ländern leben. 58% unserer Mitglieder identifizieren sich als männlich und mindestens 84% unserer Mitglieder haben einen akademischen Abschluss oder studieren, um einen solchen zu erlangen (Stand: 27. Juni 2021). In MINDs Heimatland Deutschland wächst der gesellschaftliche Anteil derer, die einen akademischen Abschluss haben kontinuierlich und schwankt derzeit um die 20% (das ist weniger als in angelsächsischen Ländern, vor allem wegen des berühmten dualen Bildungssystems in Deutschland). 10 % aller deutschen Frauen hatten 2017 einen höheren akademischen Abschluss als ihre Partner. In fast allen Mitgliedsländern der Europäischen Union ist es nicht üblich, bei Volkszählungen Daten zur ethnischen Zugehörigkeit zu erheben (im Vergleich zu Volkszählungserhebungen in den Vereinigten Staaten, bei denen die Bevölkerung gebeten wird, sich selbst als einer ethnischen Gruppe („racial groups”) zugehörig zu beschreiben).

    Als europäische Organisation entwickelt die MIND Foundation eine wachsende globale Reichweite mit Mitgliedern aus Nordamerika, Australien, Asien und Afrika. Dennoch machen Deutsche, Niederländer, Schweizer, US-Amerikaner, Briten, Portugiesen, Belgier und Österreicher derzeit den größten Teil unserer Mitglieder aus. Viele Mitglieder haben eine gemischte ethnische Herkunft und verschiedene Hautfarben, die weit über die historischen europäischen Nationen hinausgehen. Dies ist auf eine Vielzahl von Gründen zurückzuführen, die von bereits bestehenden Unterschieden zwischen den europäischen Ländern über den historischen europäischen Kolonialismus bis hin zu jahrzehntelanger Migration und Flucht vor ethnischer Verfolgung in anderen Teilen der Welt reichen. Europa hat einen großen Teil der Verantwortung für diese Entwicklungen und Deutschland einen schmerzhaften Platz darin – über die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft (1933-1945) hinaus. Diese Geschichte hat unglaubliches Leid  für die zahlreichen Menschen hervorgebracht, die durch religiöse, ethnische oder andere Unterschiede wie die sexuelle Orientierung definiert wurden und die Diskriminierung, Völkermord oder ähnlichen Grausamkeiten ausgesetzt waren. Der Versuch, eine Europäische Union als transnationale Organisation nach dem Zweiten Weltkrieg aufzubauen, hat seinen Ursprung in der barbarischen Geschichte Europas. Er hat seinen Ursprung auch in der europäischen Kultur der Universalität und dem jahrhundertelangen Ringen um die Definition von Menschenrechten, die für jeden Menschen auf der Erde gültig sind. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 ist ein Meilenstein in der Geschichte der Menschheit und hat eine weltweite Entwicklung zur Anerkennung der angeborenen Würde und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Menschheitsfamilie inspiriert. Während einige der abscheulichsten Grausamkeiten seither weiter geschehen sind, stellt die AEMR dennoch einen Wendepunkt dar. Sie basiert auf einem universalistischen Verständnis von Gleichheit in uns allen.

    DIE SUCHE NACH GESUNDHEITLICHER GLEICHSTELLUNG UND DIVERSITÄT IM PSYCHEDELISCHEN BEREICH

    „(…) UNTERSCHIEDE IN DER GESUNDHEIT TRETEN ENTLANG MEHRERER ACHSEN DER SOZIALEN SCHICHTUNG AUF, DARUNTER SOZIOÖKONOMISCHE, POLITISCHE, ETHNISCHE UND KULTURELLE” – MICHAEL MARMOT2

    Wenn psychedelisch-augmentierte Therapien ihr Versprechen halten – und es muss wissenschaftlich noch viel getan werden, um zu zeigen, dass sie das können -, wird die Frage, wen man mit diesen neuen Behandlungsmethoden erreichen will und wie dies konkret geschehen kann, höchste Priorität haben. Diese traditionelle Problemstellung gesundheitlicher Interventionen hat bereits Auswirkungen auf die Auswahl der Studienstichproben. Es gibt Stimmen, die sagen, dass psychedelische Therapien intrinsische Qualitäten haben, die ein noch stärkeres Argument für die Überwindung von Ungleichheiten darstellen. Hat jedoch gesundheitliche Ungleichheit etwas mit Faktoren zu tun, die auf Unterschiede im Bewusstsein zurückzuführen sind (und wie wirkt hier die Art von Bewusstseinsveränderungen, die bei psychedelischen Erfahrungen vorübergehend erreicht werden können)?

    Im Jahr 2007 veröffentlichte Michael Marmot im Lancet (im Auftrag der Commission on Social Determinants of Health) eine Abhandlung über das Erreichen von gesundheitlicher Chancengleichheit.2 Die Ergebnisse sind eindringlich und zeigen, dass „je niedriger die sozioökonomische Position eines Individuums ist, desto schlechter dessen Gesundheit. Es gibt ein soziales Gefälle in der Gesundheit, das im sozioökonomischen Bereich von oben nach unten verläuft“.2 Eine der vielen Konsequenzen ist es, dass die Lebenserwartung von indigenen Bevölkerungsgruppen weltweit niedriger ist als der jeweilige nationale Durchschnitt. Nicht alle gesundheitlichen Unterschiede werden durch hierarchische Unterschiede in Gesellschaften verursacht, einige sind auch auf biologische Unterschiede zurückzuführen (z.B. zwischen den Geschlechtern). Obwohl es eine Debatte darüber gibt, ob Gesundheit ein Selbstzweck ist, würden die meisten Autoren zustimmen, dass eine gute Gesundheit ein entscheidendes Instrument ist, um an Gesellschaft, Wirtschaft und kulturellen Aktivitäten teilnehmen zu können. Marmots Hauptergebnisse zeigen, dass der Abbau gesundheitlicher Ungleichheiten nicht nur mit medizinischen Mitteln erfolgen kann, sondern auch die Befähigung von Individuen, Gruppen und sogar ganzen Ländern erfordert. „Der Platz, den Menschen in der sozialen Hierarchie einnehmen, beeinflusst das Ausmaß ihrer Exposition gegenüber gesundheitsschädigenden Faktoren, ihre Anfälligkeit für Krankheiten und die Folgen von Krankheiten.“2

    Was hat das alles mit Diversität zu tun? Eine ganze Menge, wenn wir ein Verständnis von Diversität aufnehmen, das weit genug gefasst ist, um sozioökonomische, politische, ethnische und kulturelle Faktoren einzubeziehen. Der Glaube, dass gesundheitliche Ungleichheiten einfach auf Fragen der ethnischen Zugehörigkeit oder der (Selbst-)Definition des Geschlechts reduziert werden könnten, hat in der wissenschaftlichen Literatur selbst nur sehr wenige Belege, ergibt aber viel Sinn, wenn man bedenkt, dass diese Fragen ein Ausdruck ebensolcher grundlegender sozioökonomischer Unterschiede sind.

    In den letzten Jahren ist „Diversität“ in Teilen der Welt zu einem zunehmend politisierten und emotional aufgeladenen Begriff geworden. Eine Autorin im New York Times Magazine, Anna Holmes, schrieb bereits 2015: „Er ist sowohl Euphemismus als auch Klischee geworden, eine bequeme Kurzform, die mit Gesten für Inklusivität und Repräsentation wirbt, ohne sie wirklich ernst zu nehmen.“3 Indem wir „Diversität“ von einer einengenden Definition lösen, das Konzept dekonstruieren und die grundlegenden Ideen dahinter erforschen, könnten wir es auf sinnvolle Weise verwenden.

    GIBT ES SPEZIFISCHE FRAGEN DER DIVERSITÄT FÜR DAS AUFSTREBENDE PSYCHEDELISCHE FELD?

    Die Frage lautet: Bringt das „psychedelische Feld“ besondere Probleme hinsichtlich des Themas Diversität mit sich? Es ist klar, dass der Zugang zur Wissenschaft und zu den frühen psychedelischen Therapien genauso ungleich verteilt ist wie bei anderen Gesundheitsinterventionen. Wie kann Inklusion erreicht werden? Dies scheint keine Frage zu sein, die speziell für die Forschung an psychedelischen Therapien gilt. Eine Reihe von dynamischen Gruppen, die an der psychedelischen Renaissance beteiligt sind, plädieren jedoch nachdrücklich dafür, von Anfang an auf Gleichberechtigung und Inklusion zu drängen.4 Dieser Vorschlag wird durch die polarisierte politische Situation in den USA verstärkt, die durch die Wiederkehr historischer Konflikte um ethnische Zugehörigkeit bestimmt ist. Natürlich halten wir für Gleichheit und Inklusion ebenfalls für wichtig. Aus europäischer Sicht erscheint es jedoch zweifelhaft, dass passende Instrumente für eine solche Inklusion bereits entwickelt wurden.

    Im ersten Blogbeitrag dieser INSIGHT-Reihe, „Klarheit und Tiefe“, definiert Henrik Jungaberle in Anlehnung an den französischen Soziologen Pierre Bourdieu ein soziales Feld als „eine Umgebung, in der Wettbewerb zwischen Gruppen und Individuen stattfindet. Ein Feld wird durch die Interaktion von dominanten Akteuren und anderen, die um neue Definitionen von Regeln konkurrieren, bestimmt.“ Die psychedelische Gemeinschaft ist bereits voll von widersprüchlichen Subdomänen mit blühenden Unterschieden hinsichtlich Interessensbereichen und Wertesystemen,5 von denen einige scheinbar diametral entgegengesetzt sind, wie z.B. Spiritualisten vs. auf Leistungssteigerung bedachte Mikrodosierer, erlebnisorientierte Psychonauten vs. hierarchisch definierte religiöse Gemeinschaften, und so weiter. Fragen der Diversität und Gleichberechtigung wurden von einigen Gruppen, die im Einzugsbereich der gegenwärtigen psychedelischen Wissenschaft zu stehen scheinen, als Hauptthema gewählt. Dies ist nicht unbedingt hilfreich für das Erreichen von gesundheitlicher Gleichheit und Inklusion.

    Neue soziale und gesundheitliche Trends entstehen in der Regel in einem abgrenzbaren Sektor der Gesellschaft, und ein solcher Sektor ist per Definition kein Spiegel der pluralistischen globalisierten Gesellschaften, in denen die meisten von uns leben. Die Idee, dass eine neu entstehende Therapieform direkt allen Teilgruppen der Gesellschaft zugänglich gemacht werden sollte, scheint zumindest eine sehr anspruchsvolle Aufgabe zu sein. Ebenso ist es unklar, ob die Anwesenheit von nicht forschenden, indigenen Gemeinschaften auf westlichen Wissenschaftskonferenzen überhaupt sozialen Fortschritt oder Gerechtigkeit fördert. Viele von uns haben Vorzeige-Schamanen und die Nachahmung vermeintlich indigener Praktiken beobachtet, doch oft haben die Rituale auf psychedelischen Konferenzen der Vergangenheit tatsächlich eher Ausgrenzung und Exotismus gefördert – und keineswegs Inklusion. Es erscheint daher sinnvoll, bescheiden mit scheinbaren Lösungen umzugehen, die ihr Ziel verfehlen oder als Entschuldigung für White Guilt (Weiße Schuld) dienen könnten.

    Einige von uns sind Anthropologen, und uns ist der Umgang mit einer Geschichte von Kolonialismus und Ausgrenzung nicht fremd. Ein persönliches Tagebuch des sogenannten „Vaters der Anthropologie“, Malinowski, wird heute oft als Kritik und Reflexion über das Grundproblem der Voreingenommenheit zitiert, da sexistische und rassistische Beschreibungen seiner Teilnehmer seinen Versuch der wissenschaftlichen Objektivität durch Ethnographie in der Feldarbeit zu negieren schienen.6 Tatsache ist, dass wir keine skandalisierte Veröffentlichung eines Tagebuchs brauchen, um zu verstehen, dass Voreingenommenheit und Ausgrenzung sowohl in der Gesellschaft als auch in der Forschung existieren.7 Ohne die vorhandenen Probleme zu beschönigen, wollen wir als Team bei MIND erforschen, wie Fragen der Diversität durch wirksame Interventionen, ausgewogene Diskussionen und noch deutlicher konkret auf unseren INSIGHT Konferenzen angegangen werden können.

    UNTERSCHIEDLICHE VERSTÄNDNISSE VON DIVERSITÄT

    „WIE WIRD EIN WORT SO VERWORREN, DASS ES VIEL VON SEINER BEDEUTUNG VERLIERT? WIE WANDELT ES SICH IN DER KOMMUNIKATION VON ETWAS IDEALISTISCHEM ZU ETWAS ZYNISCHEM UND VERDÄCHTIGEM? WENN DIESES WORT ‘DIVERSITÄT’ IST, LAUTET DIE ANTWORT: DURCH EINE KOMBINATION AUS ÜBERMÄSSIGEM GEBRAUCH, UNGENAUIGKEIT, TRÄGHEIT UND EIGENNÜTZIGEN ABSICHTEN.“ – ANNA HOLMES3

    Es scheint unvermeidlich, klischeehaft zu klingen und eine Wörterbuchdefinition von Diversität zu zitieren: „Der Zustand oder das Vorhandensein oder die Zusammensetzung unterschiedlicher Elemente“.8

    Oberflächlich betrachtet scheint der Zusammenhang selbsterklärend, da mit unterschiedlichen Menschen und Perspektiven potenziell eine größere, ganzheitlichere Sichtweise und Lösung erreicht werden kann. Aber wie lässt sich das in der politischen Realität umsetzen? In den letzten Jahrzehnten konzentrierten sich Strategien zur Inklusion unterprivilegierter Gruppen oft auf vorgeschriebene Quoten, um mehr Angehörige eines Geschlechts, einer anderen ethnischen Zugehörigkeit, eines anderen Alters und so weiter einzubeziehen. Und wenn wir die ursprüngliche Definition mit der Aktion vergleichen, scheinen die Idee und die Aktion gar nicht so weit voneinander entfernt zu sein. Aber da liegt ein Problem – das Hinzufügen eines scheinbar fehlenden Elements oder einer Person mit nicht dem Mainstream entsprechenden sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen oder ethnischen Merkmalen schafft nicht per se Lösungen, noch ändert es automatisch den sozioökonomischen Status der Gruppe dieser Person oder unterstützt eine produktive Arbeitsatmosphäre.

    Es ist ein wichtiger Schritt, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen. Allerdings sind die Auswirkungen solcher „affirmative action“-Ansätze vielfältig. Manchmal können sie bloße Lippenbekenntnisse sein oder sogar (Selbst-)Viktimisierungen auf Seiten der Minderheiten stimulieren. Ähnlich wie das Pflanzen einer Palme in einer Wüste, bringt das Hinzufügen eines Elements nicht per se einen Vorteil für die größere Umgebung oder das Individuum selbst. Empowerment, soziale Integration, Dialog und Kontextabhängigkeit sind hier wichtige Faktoren, die in der Debatte oft verloren gehen.

    Es scheint wie ein Paradoxon, dass die Konnotation von Diversität etwas von ihrer ursprünglichen Bedeutung verloren hat und – zumindest in einigen Diskursen – zu einem ziemlich engen Begriff geworden ist. Wenn es um eine wissenschaftliche Konferenz geht, müssen wir daher vielleicht einen anderen Blickwinkel auf die Idee der Diversität einnehmen als nur die Integration von Personen unterschiedlicher Hautfarbe und ethnischer Herkunft. Und uns daran erinnern, dass Bedeutung gesellschaftlich konstruiert ist, so dass beispielsweise die Normen der Bezugnahme auf „Rasse“ zwischen verschiedenen Ländern und Kulturkreisen sehr unterschiedlich sind.

    DIVERSITÄT IN ÖFFENTLICHEN VERANSTALTUNGEN ALS CHANCE ZUR SELBSTERMÄCHTIGUNG

    Jeder Gruppe, die sich für den Bereich der Psychedelika interessiert oder auf diesem Gebiet aktiv ist, eine Stimme zu geben, ist ein grundlegend anderes Ziel für eine wissenschaftliche Konferenz als eine akademische Diskussion. Das erste ist hauptsächlich ein sozioökonomisches und politisches Ziel. Das Streben nach einem solchen Ziel könnte den Rahmen einer strukturierten wissenschaftlichen Tagung weit überschreiten oder sogar zu einer Verzerrung der Konferenznormen oder einer Verschlechterung der Standards und der Qualität beitragen. Ganz zu schweigen von der Schwierigkeit, zu definieren, welche Gruppen bei einer Veranstaltung potenziell fehlen. Betrachten wir Europa als einen vielfältigen Kontinent mit Dutzenden von Geschichten, Sprachen und kulturellen Hintergründen und Widersprüchen. Unser Verständnis davon, Diversität zu ermöglichen, besteht in der Einladung zur Selbstermächtigung. Wir sprechen solche Einladungen öffentlich und nachdrücklich an wissenschaftlichen Nachwuchs und etablierte Forscher, Therapeuten und andere Mitwirkende aus. Und für diejenigen, die sich die Reise oder die Tickets nicht leisten können, haben wir unser Diversity-Programm initiiert und bieten so an, den Zugang zu ermöglichen.

    EFFEKTE VON „FALSCHER BALANCE“ IM BLICK

    Zusätzlich muss das Problem der „falschen Balance“ angesprochen werden. „Falsche Balance“ oder Beiderseitigkeit („Bothsideism“), ist ein Phänomen, das viel in Bezug auf die Medienberichterstattung und wenig in Bezug auf die Darstellung von Wissenschaft diskutiert wird. Nehmen wir zum Beispiel an, ein Journalist befragt einen klinischen Experten zu psychedelischen Therapien, und um eine gegenteilige oder abweichende Meinung im Beitrag zu haben, gibt der Reporter einer Person, die Psychedelika im religiösen Kontext verwendet, viel Sendezeit. Was hat diese religiöse Person relevantes über die klinische Praxis mit Psychedelika zu sagen? Wenn man ihr/ihm so viel Zeit, Raum und Aufmerksamkeit widmet wie dem klinischen Experten, könnte dies offensichtlich zu einer Verzerrung führen. Auf dem Papier würden wir dann ein vermeintliches „Gleichgewicht“ zwischen den beiden Personen oder Gruppen erreichen, die sie vertreten. Gleichzeitig kann ein Thema aber auch als ausgewogener zwischen den gegensätzlichen Standpunkten dargestellt werden, als es tatsächlich ist.

    TRANSDISZIPLINARITÄT ALS EINLADUNG ZUR MULTIPERSPEKTIVITÄT

    Die INSIGHT ist darauf ausgelegt, verschiedene Ansichten über wissenschaftliche Disziplinen und praktische Anwendungsbereiche hinweg einzubeziehen. Sie ist ein Ort, an dem wir vielfältige Gespräche führen können, zum Beispiel über neue Moleküle und gesellschaftliche Bedingungen für die Schaffung wirksamer Interventionen für die psychische Gesundheit. Es ist ein Ort, um Paradigmen in Frage zu stellen, aber gleichzeitig auch ein Ort, um sich an systematischer Diskussion und Argumentation zu beteiligen. Die Referenten müssen sich mit wissenschaftlichen Methoden auseinandersetzen – insbesondere, wenn sie ein bestimmtes Paradigma kritisieren.

    Eine Definition von „Transdisziplinarität“ beinhaltet die Überschreitung der Grenze zwischen Wissenschaft und Praxis. Daraus ergibt sich eine weitere bedeutsame Quelle von Vielfalt: Die Themen werden nicht nur aus dem Blickwinkel der Forschung betrachtet. Stattdessen werden Aspekte der therapeutischen Praxis, der Implementierung, der Philosophie, der öffentlichen Gesundheit und der Anthropologie aktiv einbezogen und Wechselwirkungen untersucht.

    KUNST ALS EINLADUNG ZUR MULTIPERSPEKTIVITÄT

    Und ergänzend zu der methodologischen Strenge, die die Wissenschaften brauchen, ist die INSIGHT-Konferenzreihe auch ein Ort, an dem Kunst und Musik Quellen der Inspiration und des Nachdenkens über ihre Grenzen hinaus sein können. Für diejenigen, die hieran Interesse haben, bieten wir den Raum, verschiedene Erfahrungsqualitäten durch Kunst und nicht-pharmakologische Induktionsmethoden selbst zu erleben. Dies geschieht in einem Rahmen der uns für eine wissenschaftliche Konferenz angemessen scheint: nahe an einer „psychedelischen Erfahrung“. Wir wollen nicht, dass die Konferenz ein Ort zum „Trippen“ ist. Ganz im Gegenteil, wir wollen, dass die Leute das kritische Reflektieren und Debattieren bewusst von akuter Therapie oder Selbsterfahrung trennen. Vielmehr freuen wir uns, dass viele Teilnehmer die Möglichkeit schätzen, einen Blick von außen auf die Zusammenhänge zu werfen. Und letztlich ist es das erklärte Ziel der Konferenz, einen Multilog über Wissenschaft und Anwendungsformen von Psychedelika zu fördern, der auf einer rationalen und kritischen Haltung beruht. Die INSIGHT ist in diesem Zuge auch eine eine Plattform dafür, durch Vorträge und Diskussionen ein Bewusstsein für die Probleme zu schaffen, die entstehen, wenn wir die Bemühungen um Diversität in ihren verschiedenen Dimensionen vernachlässigen.

    DIE UNIVERSELLE MENSCHLICHKEIT VON REDNERN UND ZUHÖRERN RESPEKTIEREN – UNGEACHTET IHRES GESCHLECHTS ODER IHRER HAUTFARBE

    Wenn wir uns also davon abwenden, Diversität auf Rasse oder Geschlecht zu reduzieren und sozioökonomische Faktoren, Transdisziplinarität und künstlerische Sichtweisen auf subjektive Phänomene und die Gesellschaft einbeziehen, rekonstruieren wir Diversität in einem umfassenderen Sinne. Wir laden vermehrt Referenten und Publikum aus divergierenden sozialen Hintergründen und widersprüchlichen Disziplinen ein und hinterfragen zugleich paradigmatische Perspektiven, was der Wissenschaft, der Gesellschaft und dem Individuum zugutekommen kann.

    Wie im einleitenden Blog-Beitrag erwähnt, neigen viele psychedelische Konferenzen dazu, sich auf einen einzigen Bereich der Wissenschaft, der Gesellschaft oder der Kultur zu konzentrieren. Dies kann zu dem Fallstrick führen, nur eine Perspektive exklusiv anzusprechen oder diese Perspektive sozusagen auf ein Podest zu stellen. Es mag zwar faszinierend sein, einem traditionellen Schamanen zuzuhören, wie er die vorrituellen Vorbereitungen für eine Ayahuasca-Zeremonie beschreibt. Was aber neben weiteren möglichen blinden Flecken hierbei häufig fehlt, ist eine angemessene Kontextualisierung und die Hinterfragung der Auswirkungen auf das Publikum sowohl im ursprünglichen als auch im „westlichen” Umfeld. Wie trägt gerade dieses direkt zu mehr gesundheitlicher Gleichstellung bei?

    Feldforschung, die dazu dient zu verstehen, welche Funktion ein Schamane in einer bestimmten Umgebung hat, dauert Monate und oft Jahre. Darüber hinaus gehen die Fragen, wie der Schamanismus im Laufe der Jahre durch äußere Einflüsse verändert wurde und was es überhaupt bedeutet, solche „ursprünglichen Erfahrungen” zu übersetzen, in der Darstellung oft verloren.7 Wir sollten darüber hinaus die intellektuelle Vielfalt an Positionen bedenken, wenn behauptet wird, dass das Bewusstsein der einzige Faktor bei Problemen der psychischen Gesundheit ist. Das ist es nicht – Gesundheit wird auch durch Faktoren wie Politik, Gesundheitssysteme und Genetik bestimmt.

    Lasst uns kritische Debatten und Konferenzen über die indigene Verwendung von Psychedelika haben. Und lasst uns auch Konferenzen über (falsche) Vorstellungen von Schamanismus abhalten, die die facettenreichen Probleme benennen, die der Begriff “Schamanismus” mit sich bringt, wenn er in einem Lifestyle-Kontext von Menschen verwendet wird, die persönliche Transformation suchen. (In der Tat wurde dies von Mitgliedern der MIND Plattform schon vor vielen Jahren getan.)9 Es gibt noch viel über die Verwendung und den Missbrauch indigener und “schamanischer” Konzepte zu lernen, und es lohnt sich, diese Gespräche weiterzuführen.

    REPRÄSENTATION UND QUALITÄT AUF WISSENSCHAFTLICHEN KONFERENZEN

    Von wissenschaftlichen Forschern über spirituelle Suchende bis hin zu Finanzinvestoren gibt es viele verschiedene Gruppen, die im Bereich der Psychedelika divergierende Interessen vertreten. Und selbst innerhalb dieser Gruppen gibt es unzählige Untergruppen, die ihre individuellen Perspektiven auf das Thema haben. In der medizinischen Wissenschaftsgemeinschaft gibt es zum Beispiel Pharmakologen, Neurowissenschaftler, Psychiater, Psychotherapeuten und viele andere, die ein spezifisches Interesse am dezidiert therapeutischen Potenzial von Psychedelika haben. Obwohl dies eine sehr wichtige Perspektive auf Psychedelika ist, ist es bei weitem nicht die einzige, da sich zum Beispiel Philosophen oder Künstler aus unterschiedlichen Gründen zu einer Auseinandersetzung mit ihnen hingezogen fühlen können. Generell erfordert ein Diskurs – und eine Konferenz im Speziellen –  brauchbare Mechanismen der Verhandlung, Abwägung und Moderation, und muss “die eigene Rationalität definieren” (und damit auch, was als gutes Argument zählt). Bei einer Konferenz geht es nicht so sehr – oder sollte es nicht so sehr – nur um die Darstellung alternativer Perspektiven gehen.

    Differenziert über Diversität nachzudenken ist keine leichte Aufgabe. Sie zu verwirklichen ist noch schwieriger. Mit der INSIGHT 2021 ist es unser Ziel, eine transdisziplinäre Plattform zu bieten, auf der psychedelische Forschung und Therapie offen, kritisch und aus mehreren Perspektiven diskutiert werden können. Wir sorgen dafür, dass durch die Vielfalt der Stimmen und Perspektiven auf dieser Konferenz sinnvolle und inspirierende Gespräche entstehen können. Da die Konferenz sowohl vor Ort in Berlin als auch online über Airmeet stattfinden wird, wollen wir allen Interessierten die Möglichkeit geben, sich an diesen Gesprächen zu beteiligen. In diesem Sinne haben wir auch den INSIGHT Diversity Fonds als Teil des MIND Academy Diversity Program ins Leben gerufen, um INSIGHT unabhängig vom sozioökonomischen Status zugänglich zu machen.

    Wenn Sie mit einigen der hier genannten Punkte übereinstimmen oder eine abweichende Meinung haben, oder wenn Sie einfach nur neugierig sind, mehr über unser Verständnis von Diversität zu erfahren, ist die Teilnahme an der INSIGHT-Konferenz ein guter Ausgangspunkt, um sich direkt mit diesen Ideen auseinanderzusetzen.

    Also kommen Sie zur INSIGHT 2021 und diskutieren Sie mit uns über die Zukunft psychedelischer Wissenschaft und Bewusstseinskultur.

    Sehen Sie sich unten einige Bilder von unserer Konferenz 2019 an:

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    •                                                                                                                                               
    •                                                                                                                                               
    •                                                                                                                                               
    •                                                                                                                                               
    Unsere Arbeit bei MIND ist auf Spenden von Menschen wie Ihnen angewiesen.

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    Quellen
    1. Nolan RW. Using anthropology in the world: a guide to becoming an anthropologist practitioner. New York: Routledge; 2017.
    2. Marmot M. Achieving health equity: from root causes to fair outcomes. Lancet. 2007;370(9593):1153–63. doi:10.1016/S0140-6736(07)61385-3
    3. Holmes A. Has ‘diversity’ lost its meaning? The New York Times. 2015 Nov 01 [cited 2021 Jun 18]. Available from: https://www.nytimes.com/2015/11/01/magazine/has-diversity-lost-its-meaning.html
    4. George JR, Michaels TI, Sevelius J, et al. The psychedelic renaissance and the limitations of a White-dominant medical framework: a call for indigenous and ethnic minority inclusion. Journal of Psychedelic Studies 2019;4:4–15. doi:10.1556/2054.2019.015
    5. Gründer G, Jungaberle H. The potential role of psychedelic drugs in mental health care of the future. Pharmacopsychiatry 2021;54:1–9. doi:10.1055/a-1486-7386
    6. Lansdown R. Crucible or centrifuge? Bronislaw Malinowski’s diary in the strict sense of the term. Configurations 2014;22(1):29–55. doi:10.1353/con.2014.0008
    7. Fotiou E. The role of indigenous knowledges in psychedelic science. Journal of Psychedelic Studies. Advance online publication. 2019. doi:10.1556/2054.2019.031
    8. Merriam-Webster.com dictionary [Internet]. Diversity; [cited 2021 Jun 29]. Available from: https://www.merriam-webster.com/dictionary/diversity
    9. Labate BC, Jungaberle H. The internationalization of ayahuasca. Münster: LIT Verlag; 2011.